Rüden kastrieren – ja oder nein? Was sich im Verhalten wirklich verändert
Für die meisten Rüdenbesitzer kommt irgendwann die Zeit, in der sie sich diese Frage stellen: Soll ich meinen Rüden kastrieren lassen – oder lieber nicht?
In den ersten Lebensmonaten sind wir häufig noch das Zentrum der Welt. Der kleine Rüde hört auf den kleinsten Zuruf, bleibt in unserer Nähe und scheint vor allem eine große Frage zu haben: Was machen wir als Nächstes?
Dann kommt die Pubertät.
Plötzlich werden Gerüche interessanter, andere Hunde wichtiger und aus dem niedlichen Junghund wird zeitweise ein Teenager, bei dem „Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“ ganz oben auf der Tagesordnung zu stehen scheinen.
Spätestens wenn in der Nachbarschaft eine Hündin läufig wird, beginnt bei vielen Besitzern das Grübeln.
Der Rüde frisst schlechter, läuft mit Tunnelblick durch den Park, schnüffelt sich an jeder Grashalm-Nachricht fest und steht fiepend an der Haustür. Der Termin zur Kastration ist gedanklich schon vereinbart.
Zwei Wochen später ist der Spuk vorbei. Unser Hund ist wieder ansprechbar, entspannt und charmant – und wir streichen die Kastration von der To-do-Liste.
Bis zum nächsten Mal, wenn „Sex,(drugs) und Rock ‘n Roll“ wiederholt in den Fokus des heranwachsenden Rüdens rücken und wir uns wie Zuschauer am Rande einer sehr turbulenten Aufführung fühlen.
Rüden zu kastrieren kann sinnvoll sein. Es kann aber auch eine vollkommen falsche Erwartung an einen operativen Eingriff geknüpft sein.
Denn eine Kastration verändert Hormone. Sie löscht weder Erfahrungen noch Ängste, Erregbarkeit oder gelerntes Verhalten einfach aus.
Und genau deshalb lohnt es sich, vor der Entscheidung genauer hinzuschauen.
Was passiert bei der Kastration eines Rüden?
Bei einer Kastration werden beim Rüden die Hoden entfernt. Damit fällt die wichtigste Quelle für die Produktion von Testosteron weg und der Hund wird unfruchtbar.
Davon zu unterscheiden ist die Sterilisation. Dabei würden lediglich die Samenleiter durchtrennt. Der Rüde wäre ebenfalls unfruchtbar, seine Testosteronproduktion bliebe aber erhalten. Bei der Sterilisation von Männern ist das erwünscht, beim Hund bringt das Verfahren Risiken mit sich und würde nichts an dem Verhalten des Tieres ändern.
Wenn im Alltag davon gesprochen wird, einen Rüden „sterilisieren“ zu lassen, ist deshalb meistens eigentlich die Kastration gemeint.
Und genau hier beginnt die interessante Frage:
Was macht Testosteron eigentlich mit dem Verhalten?
Die Antwort ist komplizierter als „Testosteron macht aggressiv“ oder „ohne Testosteron wird der Hund ruhiger“.
Hormone beeinflussen Motivation und Verhalten – sie sind aber nur ein Teil eines viel größeren Systems. Genetik, frühe Entwicklung, Sozialisation, Lernerfahrungen, Schmerzen, Stress, Erregungsniveau und die aktuelle Umwelt des Hundes spielen ebenfalls eine Rolle.
Deshalb kann man aus einem einzelnen Verhalten nicht automatisch schließen, dass eine Kastration helfen wird.
Wird mein Rüde nach der Kastration ruhiger?
Das ist wahrscheinlich eine der häufigsten Fragen in unserer Kastrationsberatung.
Die Antwort lautet:
Das kommt darauf an, warum er unruhig ist.
Ein Rüde, der über Tage kaum schläft, schlecht frisst und völlig außer sich ist, sobald in der Nachbarschaft eine Hündin läufig wird, kann nach einer Kastration deutlich weniger sexuell motivierten Stress erleben.
Ein Hund, der dagegen schon als Junghund auf jeden Umweltreiz anspringt, kaum zur Ruhe kommt, schnell hochfährt und sich generell schlecht regulieren kann, wird durch eine Kastration nicht automatisch zum entspannten Begleiter.
Auch ein Hund, der bei Hundebegegnungen bellt und in die Leine springt, tut dies nicht zwangsläufig deshalb, weil er ein intakter Rüde ist.
„Aufgeregt“ ist keine Diagnose. Und „aggressiv“ ebenso wenig.
Bevor man erwartet, dass eine Kastration ein Verhalten verändert, muss man deshalb zunächst verstehen, welche Motivation hinter diesem Verhalten steckt. Das erfordert eine fundierte Ausbildung als Verhaltsensexperte und das tierärztliche Fachwissen, welches Verhalten von Hormonen beeinflußt wird.
Die Kastration ist eine Rountine-Operation mit geringem Risiko. Für den Rüden ist sie aber kein Eingriff an einer einzelnen Stellschraube: Testosteron wirkt nicht nur auf das Verhalten, das gerade stört. Deshalb muss man vorher wissen, was man verändert – und was man mitverändert.
Ein Rüde kann unruhig, impulsiv oder schnell erregbar sein, ohne dass Sexualhormone die Hauptursache sind. Entscheidend ist, warum das Verhalten entsteht.
Welche Verhaltensweisen können durch eine Kastration beeinflusst werden?
Besonders naheliegend ist ein hormoneller Einfluss bei Verhaltensweisen, die unmittelbar mit Fortpflanzung und Sexualverhalten zusammenhängen.
Dazu können beispielsweise gehören:
- starke Unruhe bei läufigen Hündinnen
- ausgeprägtes Suchen nach läufigen Hündinnen
- sexuell motiviertes Streunen
- bestimmte Formen des Aufreitens
- Konkurrenzverhalten zwischen Rüden
- teilweise sehr ausgeprägtes Markierverhalten
Aber selbst hier gilt: Ein Verhalten, das ursprünglich hormonell motiviert war, kann inzwischen gelernt sein.
Hat ein Rüde beispielsweise über Jahre bei jeder Hundebegegnung gepöbelt, verschwindet die erlernte Strategie nicht automatisch in dem Moment, in dem der Testosteronspiegel sinkt.
Und auch Aufreiten ist nicht immer sexuelles Verhalten. Hunde können unter anderem bei hoher Erregung, Stress oder im sozialen Spiel aufreiten.
Das gleiche sichtbare Verhalten kann also vollkommen unterschiedliche Ursachen haben.
Welche Verhaltensprobleme löst eine Kastration nicht automatisch?
Bei diesen Problemen sollte man besonders vorsichtig mit dem Gedanken sein, sie durch eine Kastration „behandeln“ zu wollen:
- Angst und Unsicherheit
- Geräuschängste
- Trennungsprobleme
- Aggression gegenüber Menschen
- Ressourcenverteidigung
- Leinenaggression
- hohe allgemeine Erregbarkeit
- schlechte Impulskontrolle
- Frustrationsprobleme
- erlerntes aggressives Verhalten
Natürlich können Sexualhormone auch bei einem Hund mit solchen Problemen eine Rolle spielen. Sie erklären das Verhalten aber nicht automatisch.
Gerade wenn ein Hund plötzlich aggressiver, ängstlicher oder deutlich reizbarer geworden ist, gehört deshalb auch eine medizinische Abklärung dazu.
Schmerzen, orthopädische Probleme, internistische Erkrankungen und andere körperliche Faktoren können Verhalten erheblich beeinflussen.
Ist das Verhalten Deines Rüden wirklich hormonabhängig?
Gerade bei Aggression, Unsicherheit, hoher Erregbarkeit oder Leinenproblemen ist die Ursache oft nicht auf den ersten Blick erkennbar.
In unserer Kastrationsberatung schauen wir gemeinsam darauf, welche Rolle Hormone bei Deinem Hund tatsächlich spielen – und ob eine Kastration, ein Kastrationschip oder zunächst eine andere Abklärung sinnvoller ist.
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Hilft die Kastration gegen Aggression beim Rüden?
Hier wird es besonders spannend – und besonders häufig zu einfach.
„Er ist aggressiv gegen andere Rüden. Lass ihn kastrieren.“
Dieser Satz hält sich hartnäckig.
Bei bestimmten Formen von Konkurrenzverhalten zwischen Rüden kann eine Veränderung des hormonellen Einflusses tatsächlich einen positiven Effekt haben.
Aber nicht jeder Rüde, der einen anderen Rüden anbellt, hat ein Testosteronproblem.
Fallbeispiel Fido
Fido verhält sich aggressiv gegenüber anderen Hunden – unabhängig vom Geschlecht.
An der Leine tobt er, bellt und fletscht die Zähne. Ohne Leine rast er auf andere Hunde zu, stellt sie und bellt hysterisch. Gleichzeitig hält er Abstand.
Mehrfach wurde Fido bei solchen Begegnungen bereits gebissen. Er selbst hat noch nie einen anderen Hund ernsthaft verletzt.
Auf den ersten Blick könnte man sagen:
Aggressiver Rüde – Kastration.
Schaut man genauer hin, entsteht ein anderes Bild.
Fido ist unsicher. Er möchte andere Hunde auf Abstand halten und hat gelernt, dass offensives Verhalten dafür ausgesprochen wirkungsvoll sein kann.
Seine Aggression ist damit nicht einfach Ausdruck eines „zu hohen Testosteronspiegels“.
Würde man ausschließlich kastrieren, hätte Fido noch immer keine andere Strategie für Hundebegegnungen gelernt.
Er braucht vor allem eine Therapie seiner Angst und Unsicherheit und ein Training, in dem Begegnungen für ihn kontrollierbar und weniger bedrohlich werden.
Entscheidend ist also nicht die Frage, ob ein Hund aggressiv ist. Entscheidend ist, warum er aggressiv reagiert.
Das gilt übrigens ganz besonders bei Aggression gegenüber Menschen. Hier sollte nicht auf Verdacht kastriert werden, sondern zunächst eine verhaltensmedizinische Einschätzung erfolgen.
Wenn Dein Hund Menschen anbellt, bedroht, schnappt oder gebissen hat, findest Du hier weitere Informationen zu
→ Aggression gegenüber Menschen beim Hund.
Mein Rüde leidet unter läufigen Hündinnen – ist das ein Grund für eine Kastration?
Manche Rüden interessieren sich für läufige Hündinnen und können trotzdem einen weitgehend normalen Alltag führen.
Bei anderen sieht das anders aus.
Sie nehmen kaum noch Futter auf, schlafen schlecht, fiepen über Stunden, stehen an Türen und Fenstern, suchen draußen permanent nach Spuren oder sind kaum noch ansprechbar.
Dann geht es nicht nur darum, ob das Verhalten für den Besitzer lästig ist.
Es geht auch um die Lebensqualität des Hundes. Ein Rüde muss nicht kastriert werden, nur weil er läufige Hündinnen interessant findet.
Ein Hund, der regelmäßig erheblich unter sexuell motiviertem Stress leidet, verdient aber eine individuelle Abwägung der Möglichkeiten.
Macht Kastration einen ängstlichen Rüden noch ängstlicher?
Auch hierzu gibt es ausgesprochen klare Meinungen:
„Ängstliche Rüden darf man niemals kastrieren.“
Ganz so einfach ist es nicht.
Studien zum Zusammenhang zwischen Kastration und Verhalten kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. In großen Beobachtungsstudien wurden bei kastrierten Hunden teilweise häufiger bestimmte Angst- oder Aggressionsmerkmale beschrieben. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass eine Kastration bei jedem einzelnen Hund zwangsläufig Angst verursacht.
Ein wesentliches Problem solcher Untersuchungen ist: Hunde werden nicht zufällig kastriert. Manchmal ist gerade ein bereits bestehendes problematisches Verhalten überhaupt der Grund für die Kastration.
Für die Entscheidung beim einzelnen Hund hilft deshalb eine pauschale Regel wenig.
Wir schauen uns lieber an:
Wie löst dieser Hund Konflikte? Wovor hat er Angst? Welche Rolle spielen Sexualverhalten und andere Hunde? Seit wann besteht das Problem? Wie hat es sich während der Pubertät verändert?
Und erst dann stellt sich die Frage, ob eine Veränderung des hormonellen Einflusses für genau diesen Hund wahrscheinlich hilfreich ist.
Angst und Unsicherheit gehören zu den häufigsten Ursachen problematischen Verhaltens und werden nicht durch eine Kastration „wegoperiert“. Mehr dazu findest Du auf unserer Seite zum → Angsthund
„Wann wird sexuelles Interesse zum Leindensdruck?“
Achte darauf, ob Dein Rüde während dieser Phasen:
- kaum noch frisst
- schlecht schläft
- dauerhaft fiept oder unruhig ist
- kaum noch ansprechbar ist
- draußen fast ausschließlich Spuren sucht
- deutlich Gewicht verliert
- über viele Tage kaum zur Ruhe kommt
Je stärker Alltag und Wohlbefinden beeinträchtigt sind, desto sinnvoller ist eine individuelle tierärztliche Abwägung.
Kastrations-Chip beim Rüden: Testlauf vor der Operation?
Gerade bei Rüden wird häufig vom Kastrationschip gesprochen.
Gemeint ist meist ein Implantat mit dem Wirkstoff Deslorelin. Es beeinflusst die hormonelle Steuerung der Hoden vorübergehend und führt nach einer gewissen Zeit zu einer reversiblen Unterdrückung der Fortpflanzungsfunktion.
Das macht die sogenannte chemische oder temporäre Kastration in bestimmten Fällen interessant:
Wir können beobachten, wie sich ein Hund unter deutlich reduziertem hormonellem Einfluss verhält, bevor eine endgültige chirurgische Entscheidung getroffen wird.
Allerdings ist der Chip kein perfekter Blick in die Zukunft.
Wichtig: Der Kastrations-Chip wirkt nicht sofort
Nach dem Einsetzen kommt es zunächst zu einer Stimulation des Hormonsystems. Erst anschließend wird die hormonelle Achse herunterreguliert.
Das bedeutet: In der ersten Zeit können testosteronabhängige Verhaltensweisen vorübergehend sogar stärker auffallen.
Deshalb sollte man einen Hund nicht wenige Tage nach dem Setzen des Implantats beurteilen und daraus schließen:
„Der Chip macht alles schlimmer.“
Für eine verhaltensmedizinische Beurteilung braucht es einen sinnvollen Beobachtungszeitraum.
Was kann ein Kastrations-Chip zeigen?
Wenn sich ein konkretes Problem unter hormoneller Suppression deutlich verändert, kann das ein wichtiger Baustein für die weitere Entscheidung sein.
Aber auch hier müssen wir genau hinschauen.
Wird der Rüde wirklich entspannter?
Oder begegnet er nur weniger läufigen Hündinnen?
Reagiert er anders auf andere Rüden?
Verändert sich seine Angst?
Kann er sich besser konzentrieren?
Sind Veränderungen tatsächlich stabil?
Ein bloßes „Er ist irgendwie anders“ hilft für die Entscheidung wenig.
Deshalb ist es sinnvoll, vor dem Chip festzulegen, welche konkreten Verhaltensweisen beobachtet werden sollen.
Wenn erst nach Monaten gefragt wird „War er mit Chip eigentlich besser?“, ist die Erinnerung oft erstaunlich ungenau.
Sinnvoller ist es, vorher konkret festzuhalten:
Wie häufig tritt das Problem auf? Wie intensiv? In welchen Situationen? Was soll sich verändern?
In unserer Kastrationsberatung können wir diese Kriterien gemeinsam festlegen und später besser beurteilen, ob sich das Verhalten unter hormoneller Suppression tatsächlich verändert hat.
Wie lange wirkt ein Kastrations-Chip beim Rüden?
Es gibt Deslorelin-Implantate mit unterschiedlicher Wirkstoffmenge und entsprechend unterschiedlicher Wirkdauer.
Welche Variante für einen Hund sinnvoll ist und wann mit dem Wirkungseintritt zu rechnen ist, sollte mit der behandelnden Tierärztin oder dem behandelnden Tierarzt besprochen werden.
Für eine verhaltensmedizinische Entscheidung ist ohnehin nicht nur die nominelle Wirkdauer entscheidend.
Wichtiger ist:
Was verändert sich beim individuellen Hund – wann beginnt diese Veränderung und wann verschwindet sie wieder?
Ab welchem Alter sollte man einen Rüden kastrieren?
Auch darauf gibt es keine Zahl, die für alle Hunde gleichermaßen richtig ist.
Ein kleiner, frühreifer Hund und ein sehr großer, körperlich spät ausgereifter Rüde befinden sich mit zwölf Monaten nicht am selben Entwicklungspunkt.
Hinzu kommen der Grund für die Kastration, gesundheitliche Faktoren und die individuelle Verhaltensentwicklung.
Gerade während der Pubertät verändert sich das Gehirn des Hundes erheblich. Aufmerksamkeit, Risikoverhalten, Erregbarkeit und soziale Interessen können zeitweise sehr anders aussehen als noch wenige Monate zuvor.
Pubertäres Verhalten allein ist deshalb kein guter Grund, vorschnell einen Operationstermin zu vereinbaren.
Der nette Welpe ist mit acht oder zwölf Monaten nicht verschwunden.
Er steckt mitten in einer Entwicklungsphase.
Das kann anstrengend sein – geht aber nicht automatisch mit einer medizinischen Indikation zur Kastration einher.
Kann sich Verhalten nach einer Kastration auch verschlechtern?
Eine Operation sollte nie mit dem Versprechen verbunden werden:
„Danach ist das Verhaltensproblem weg.“
Verhalten ist das Ergebnis vieler Einflussfaktoren. Deshalb können wir auch nicht zuverlässig vorhersagen, dass jede Veränderung nach einer Kastration positiv ausfallen wird.
Besonders vorsichtig sollte man sein, wenn eine Kastration ausschließlich deshalb erwogen wird, weil ein Hund ängstlich, unsicher, aggressiv oder sehr erregbar ist.
Hier ist eine Verhaltensdiagnose vor der Entscheidung wesentlich sinnvoller als die Hoffnung, dass der Eingriff das Problem schon lösen wird.
Gesundheitliche Vor- und Nachteile gehören ebenfalls zur Entscheidung
Bei der Frage „Kastration – ja oder nein?“ darf Verhalten niemals isoliert betrachtet werden.
Eine Kastration kann gesundheitliche Vorteile haben und bestimmte Erkrankungen verhindern oder behandeln. Gleichzeitig können sich – abhängig unter anderem von Rasse, Alter und individuellem Gesundheitsstatus – gesundheitliche Nachteile ergeben.
Deshalb ist weder
„Jeder Rüde sollte kastriert werden“
noch
„Ein gesunder Rüde darf niemals kastriert werden“
eine besonders hilfreiche Empfehlung.
Eine gute Entscheidung betrachtet den gesamten Hund.
Kastrieren oder nicht? Die richtige Frage lautet oft anders
Am Anfang einer Kastrationsberatung steht deshalb bei uns selten sofort die Frage:
„Kastrieren – ja oder nein?“
Wir möchten zunächst wissen:
Warum denkst Du überhaupt darüber nach?
Weil Dein Rüde unter läufigen Hündinnen leidet?
Weil er andere Rüden angreift?
Weil er an der Leine pöbelt?
Weil er aufreitet?
Weil er kaum zur Ruhe kommt?
Weil Euch jemand gesagt hat, dass er nach der Kastration leichter zu erziehen sei?
Oder gibt es einen medizinischen Grund?
Erst wenn klar ist, welches Problem wir eigentlich lösen möchten, können wir beurteilen, ob die Kastration überhaupt ein sinnvoller Teil der Lösung sein könnte.
Kastrationsberatung: Nicht für oder gegen Kastration – sondern für eine gute Entscheidung
Zwischen „Auf keinen Fall kastrieren!“ und „Der muss dringend kastriert werden!“ liegt ziemlich viel Hund.
Deshalb beraten wir nicht grundsätzlich für oder gegen eine Kastration.
Wir schauen uns an, welche Faktoren bei Deinem Hund eine Rolle spielen.
Dazu gehören unter anderem:
- Alter und Entwicklungsstand
- Rasse und körperliche Entwicklung
- medizinische Aspekte
- Sexualverhalten
- Verhalten gegenüber Hündinnen und Rüden
- Ängstlichkeit und Unsicherheit
- Aggressionsverhalten
- Erregbarkeit
- Lernerfahrungen
- Alltag und Lebensqualität
- und die Frage, was Du Dir von einer Kastration eigentlich erhoffst.
Bei Verhaltensfragen kann auch eine Videoanalyse typischer Situationen sinnvoll sein.
Wenn ein Kastrationschip als Test infrage kommt, können wir außerdem gemeinsam festlegen, welche Veränderungen anschließend beobachtet werden sollten.
Fachlich verantwortlich
Dr. med. vet. Astrid Schubert
Tierärztin mit Zusatzbezeichnung Verhaltenstherapie
SIRIUS Behavior Vets, MünchenZuletzt fachlich aktualisiert: September 2026
Du bist unsicher, ob eine Kastration für Deinen Rüden sinnvoll ist?
In unserer tierärztlichen Kastrationsberatung für Hunde betrachten wir Gesundheit, Verhalten und Alltag gemeinsam – ohne pauschale Empfehlung für oder gegen eine Kastration.
Häufig gestellte Fragen
Wenn seine Unruhe wesentlich durch Sexualverhalten und läufige Hündinnen verursacht wird, kann eine Kastration einen deutlichen Einfluss haben. Eine grundsätzlich hohe Erregbarkeit, Ängstlichkeit oder schlechte Impulskontrolle verschwindet dagegen nicht automatisch mit der Kastration.
Bei bestimmten hormonell beeinflussten Formen von Konkurrenzverhalten zwischen Rüden kann sie hilfreich sein. Aggressives Verhalten kann aber sehr unterschiedliche Ursachen haben. Bei Angst, Unsicherheit, Schmerzen oder gelerntem Aggressionsverhalten ist eine Kastration keine automatische Lösung.
Es gibt keine einfache Regel, nach der jeder ängstliche Rüde nach einer Kastration ängstlicher wird. Studien zeigen unterschiedliche Zusammenhänge zwischen Kastrationsstatus, Angst und Aggressionsverhalten. Deshalb sollte bei einem bereits unsicheren oder ängstlichen Hund individuell abgewogen werden.
Bei bestimmten verhaltensmedizinischen Fragestellungen kann ein reversibles Deslorelin-Implantat eine wertvolle Entscheidungshilfe sein. Wichtig ist, bereits vorher festzulegen, welche konkreten Verhaltensweisen beobachtet und miteinander verglichen werden sollen.
Nein. Zu Beginn kommt es zunächst zu einer hormonellen Stimulation, bevor die hormonelle Funktion herunterreguliert wird. Deshalb ist eine Verhaltensbeurteilung unmittelbar nach dem Einsetzen wenig sinnvoll.
Das Markierverhalten kann deutlich abnehmen, ebenso das lange Schnuppern an Markierungen anderer Hunde.
Markieren ist aber nicht ausschließlich hormonell gesteuert und kann als etabliertes Verhalten bestehen bleiben.
Zuverlässig hört dieses Verhalten eher auf, wenn es tatsächlich wesentlich sexuell motiviert ist. Aufreiten kann ebenso bei Stress, hoher Erregung oder Überforderung auftreten.
Es gibt kein ideales Alter, das für alle Rüden gilt. Entwicklungsstand, Körpergröße, Rasse, gesundheitliche Faktoren und der Grund für die Kastration sollten gemeinsam berücksichtigt werden.
Vor allem dann, wenn die Kastration aufgrund eines Verhaltensproblems erwogen wird oder Du nicht einschätzen kannst, ob das Verhalten Deines Rüden tatsächlich hormonell beeinflusst ist. Auch vor einem Kastrationschip kann eine Beratung sinnvoll sein, damit später nicht nur ein allgemeiner Eindruck, sondern konkrete Verhaltensveränderungen beurteilt werden können.
Literatur
Masson S, Gaultier E, Rettenbacher S, et al. (2021). Double-Blind, Placebo-Controlled Trial of Cyproterone Acetate to Prevent the Deslorelin-Induced Behavioural Flare-Up in Male Dogs. Animals, 11(10), 2926.
McGreevy PD, Wilson B, Starling MJ, Serpell JA. (2018). Behavioural risks in male dogs with minimal lifetime exposure to gonadal hormones may complicate population-control benefits of desexing. PLoS ONE, 13(5), e0196284.
Neilson JC, Eckstein RA, Hart BL. (1997). Effects of castration on problem behaviors in male dogs with reference to age and duration of behavior. Journal of the American Veterinary Medical Association, 211(2), 180–182.
Urfer SR, Kaeberlein M. (2019). Desexing Dogs: A Review of the Current Literature. Animals, 9(12), 1086.


