Pre Visit Pharmaceuticals – Angst rechtzeitig behandeln

Angst vorm Tierarzt. Medikamente vor der Behandlung

Inhaltsüberblick

Nach dem Besuch ist vor dem Besuch 

Wir alle kennen die Patienten, bei denen der Termin schon in der Anmeldung entgleist. Und wir alle kennen die Versuchung, das als unvermeidbar zu betrachten – ein bisschen Handling, ein bisschen Festhalten, in drei Minuten ist es vorbei. Wir haben das Blut im Röhrchen und tragen es wie eine Trophäe ins Labor, der Hund wurde geimpft, die Injektion ist „drin“! Alle atmen auf. Es ist vorbei. Puh!
Das Problem ist: Nach drei Minuten ist es nicht vorbei. Es ist gelernt. Die Ergebnisse unserer übergriffigen „Behandlung“ erhalten wir erst beim nächsten Besuch.

Angst behandeln bevor sie entsteht

Angst vor der Praxis ist ein klassisches Beispiel für Lernen mit sehr wenigen Wiederholungen (single-trial learning). Ein einzelner massiv aversiver Termin kann eine belastbare Aversion etablieren, die sich über die Zeit ausweitet: vom Behandlungsraum auf den Wartebereich, auf die Transportbox, auf das Auto, schließlich auf das Aufnehmen der Box aus dem Keller. Was als Situationsangst begann, wird zur generalisierten Kette. Und mit jedem Termin, den wir gegen den Widerstand des Tieres durchziehen, sensibilisieren wir weiter.

Dazu kommen drei Aspekte, die den Praxisalltag unmittelbar betreffen:

  • Diagnostische Qualität. Stress produziert Artefakte, die wir dann interpretieren: Stresshyperglykämie und Glukosurie bei der Katze, deutlich erhöhter Blutdruck, Tachykardie, Stressleukogramm, gesteigerte Atemfrequenz. Ein Teil unserer „Befunde“ ist in Wahrheit die Reaktion auf die Untersuchung.
  • Biss- und Kratzverletzungen gehören zu den häufigsten Berufsrisiken in der Kleintierpraxis. Ein anxiolytisch vorbehandelter Patient schützt das Team.
  • Compliance der Halter. Halter, die einen Termin als Katastrophe erleben, verschieben oder verdrängen den nächsten. Vorsorge, Zahnkontrollen und Frühdiagnostik fallen aus. Das ist am Ende ein tierschutzrelevantes Problem.

Pre-Visit Pharmaceuticals (PVP) bedeutet: Wir behandeln die Angst bevor sie entsteht – zu Hause, vor dem Verladen in die Box, vor der Autofahrt. Damit verhindern wir die Generalisierung und die Sensibilisierung, die am Ende zu immer weniger kooperativen Patienten führen kann. Denn: Für die meisten Patienten beginnt der aversive Teil des Termins lange vor unserer Tür.

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Der beste Weg zu einem entspannten Tierarztbesuch führt über das Medical Training. Dafür muss Dein Tier nicht in die Praxis kommen. Das Trainings können wir auch online mit Dir und Deinem Tier durchführen. 

Was PVP ist – und was es nicht ist

PVP zielt auf Anxiolyse, nicht auf Sedation. Das ist keine Wortklauberei, sondern die Trennlinie zwischen wirksam und kontraproduktiv.

Wir sind uns mittlerweile darüber bewusst: Ein Tier, das sediert, aber weiterhin angstvoll ist, hat lediglich seine Handlungsmöglichkeiten verloren. Es kann nicht mehr flüchten, aber es erlebt die Situation unverändert – und lernt sie unverändert. Das ist der Grund, warum das früher so oft verschriebene Acepromazin allein für PVP nicht geeignet ist: Es sediert, ohne anxiolytisch zu wirken, und es kann die Geräuschempfindlichkeit sogar erhöhen. Ein sedierter, aber emotional weiterhin panischer Patient ist zwar für uns einfacher zu behandeln, aber weder medizinisch noch ethisch ein Behandlungsfortschritt.

Ebenso wichtig: PVP ersetzt nicht Handling, Umgebung und Ausbildung. Es ist ein Baustein neben Katzenfreundlichkeit im Wartebereich, getrennten Warteräumen, Pheromonen, rutschfesten Unterlagen, Handtuchtechniken, Untersuchung in der Box, Leckerli-Konditionierung und Medical Training. PVP macht diese Maßnahmen wirksamer – es macht sie nicht überflüssig.

Damit stellt sich die Frage, wer diese Arbeit im Praxisalltag tatsächlich leistet. Tierärztinnen und Tierärzte haben im Termintakt selten die Zeit, einen Patienten schrittweise an Maulkorb, Blutentnahme oder Ohrreinigung heranzuführen. Genau hier liegt die Stärke einer Coaching-TFA: Sie kann Medical Training strukturiert aufbauen, Halter anleiten und den Trainingsstand dokumentieren – und sie verschiebt damit die Rolle der Praxis vom Reagieren zum Vorbereiten.

Der Effekt ist doppelt: Der Patient wird über die Jahre kooperativer statt schwieriger, und der Bedarf an PVP sinkt bei einem Teil der Tiere spürbar. Ein Team ohne diese Kompetenz kann Angstpatienten nur medikamentös abfedern. Ein Team mit ihr kann sie verändern.

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Die Katze: Gabapentin und Pregabalin

Gabapentin – Wirkprinzip

Gabapentin ist trotz des Namens kein GABA-Agonist. Es bindet an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle im Zentralnervensystem und reduziert dort die präsynaptische Freisetzung erregender Neurotransmitter, vor allem Glutamat. Klinisch resultiert daraus eine Dämpfung der Übererregbarkeit – anxiolytisch, antihyperalgetisch und in höherer Dosis sedierend.

Datenlage

Die maßgebliche Arbeit ist eine randomisierte, verblindete Crossover-Studie an nur 20 Katzen mit dokumentiert schwierigem Verhalten in der Praxis. Eine Einzeldosis von 100 mg pro Katze, 90 Minuten vor dem Verladen gegeben, führte zu signifikant niedrigeren halterbewerteten Stressscores während Transport und Untersuchung und zu signifikant besseren Compliance-Scores in der Beurteilung durch die Tierärztin. Substanzspezifische Nebenwirkungen traten nicht auf.

Zwanzig Katzen sind eine kleine Fallzahl – aber das Ergebnis ist inzwischen durch mehrere Folgearbeiten und breite klinische Erfahrung gestützt. Relevant ist außerdem eine Untersuchung, die zeigte, dass Gabapentin ophthalmologische Parameter wie Tränenproduktion, Augeninnendruck und Pupillengröße nicht relevant beeinflusst – gut zu wissen vor augenärztlichen Terminen.

Dosierung bei der Katze

  • Studienbelegte Dosis: 100 mg pro Katze als Einzeldosis – das entspricht bei 4–5 kg Körpergewicht etwa 20–25 mg/kg. 50 mg nur bei sehr kleinen oder nierenkranken Patienten. Die verbreitete Faustregel „50–100 mg“ liegt am unteren Ende unter der Dosis, mit der die Wirksamkeit gezeigt wurde.
  • Gabe 90–120 Minuten vor dem Verladen in die Box, nicht erst vor dem Termin
  • Kapselinhalt lässt sich in einer kleinen Menge stark riechendem Futter verstecken; große Futtermengen verzögern den Wirkeintritt
  • Bei ausbleibender Wirkung kann beim nächsten Termin nach oben titriert werden – nicht durch eine zweite Gabe am gleichen Tag improvisieren
  • Chronische Nierenerkrankung: Gabapentin wird beim Fleischfresser überwiegend unverändert renal eliminiert. Bei CNI Dosis reduzieren (etwa halbieren) oder Intervall verlängern – sonst sind ausgeprägte Sedation und Ataxie über viele Stunden zu erwarten. Gerade die geriatrische Katze mit CNI ist aber der typische PVP-Patient.

Nebenwirkungen und Fallstricke

  • Sedation, Ataxie, Muskelschwäche – häufig, dosisabhängig, reversibel. Halter unbedingt vorwarnen, sonst kommt der besorgte Anruf.
  • Hypersalivation und Erbrechen, insbesondere bei Verabreichung der Lösung mit Propylenglykol-haltigen Humanpräparaten. Kapseln bevorzugen.
  • Wichtige Einschränkung: Ataxie und reduzierte Aktivität konfundieren die neurologische und orthopädische Untersuchung. Vor Lahmheitsabklärung, Gangbildanalyse oder neurologischem Status ist Gabapentin ungünstig. Diese Termine gehören anders geplant.
  • Sturzrisiko zu Hause: Halter auf Treppen, Kratzbaum, Balkon und erhöhte Liegeplätze hinweisen. Die Katze bleibt bis zum Abklingen im gesicherten Bereich.
  • Wärmemanagement: Sedierte Katzen kühlen ab, besonders geriatrische und dünne Patienten.

Sedation ist keine Anxiolyse

Pregabalin (Bonqat®) – die zugelassene Alternative

Seit 2022 steht mit Bonqat® (Pregabalin, 50 mg/ml Lösung zum Eingeben) erstmals ein EU-zugelassenes Tierarzneimittel für Katzen mit genau dieser Indikation zur Verfügung: Linderung akuter Angst und Furcht im Zusammenhang mit Transport und Tierarztbesuchen.

  • Dosierung: 5 mg/kg PO (entspricht 0,1 ml/kg der Lösung)
  • Gabe etwa 1,5 Stunden vor Transportbeginn beziehungsweise vor dem Termin
  • Wirkdauer etwa 7 Stunden
  • Direkt ins Maul oder mit einer kleinen Futtermenge; große Futtermengen verzögern den Wirkeintritt
  • Mögliche leichte Senkung von Herzfrequenz, Atemfrequenz und Körpertemperatur – Umgebungstemperatur beachten
  • Verträglichkeit nicht belegt bei Katzen unter 2 kg, jünger als 5 Monate und älter als 15 Jahre

Pregabalin wirkt am gleichen molekularen Ziel wie Gabapentin, hat aber eine günstigere, lineare Pharmakokinetik. Der praktische Vorteil liegt jedoch woanders – nämlich im Zulassungsstatus. Dazu weiter unten.

Trazodon und Gabapentin vor dem Tierarztbesuch nimmt die Angst

Der Hund: Trazodon, Gabapentin und Kombinationen

Trazodon – Wirkprinzip

Trazodon ist ein SARI (Serotonin-Antagonist und Wiederaufnahme-Inhibitor). Es blockiert 5-HT2A-Rezeptoren, hemmt die Serotonin-Wiederaufnahme und wirkt zusätzlich antihistaminerg und α1-antagonistisch. Daraus ergibt sich das klinische Profil: anxiolytisch mit sedierender Komponente, guter Wirkeintritt innerhalb von etwa 60 bis 90 Minuten, große therapeutische Breite.

Dosierung beim Hund

  • Trazodon: 3–5 mg/kg PO für den ersten Versuch, bei Bedarf Titration bis 8–10 mg/kg; in Studien zu PVP wurden 9–12 mg/kg eingesetzt. Maximal etwa 300 mg pro Hund und Gabe.
  • Gabe 90 Minuten vor dem Verladen
  • Gabapentin beim Hund: 20–30 mg/kg PO, 1–2 Stunden vorher. Die Schwelle für verlässliche Anxiolyse liegt bei etwa 20 mg/kg; die häufig zitierten 10–20 mg/kg stammen aus der Schmerz- und Antiepileptika-Indikation und sind für PVP zu niedrig angesetzt. Sedation und Ataxie treten deutlich häufiger oberhalb von 30 mg/kg auf.
  • Wirkdauer beachten: Beim gesunden Hund fallen die Plasmaspiegel nach etwa 6–7 Stunden unter den wirksamen Bereich, Tmax liegt bei 1–2 Stunden, die orale Bioverfügbarkeit bei rund 80 %. Das begrenzt das nutzbare Zeitfenster und gehört in die Terminplanung.
  • Kombination Gabapentin + Trazodon, im kollegialen Sprachgebrauch oft zu „Gabatraz“ verkürzt, ist beim Hund aufgrund der synergistischen Effekte gut etabliert und erlaubt niedrigere Einzeldosen bei besserer Wirkung – der übliche Weg, wenn Monotherapie nicht ausreicht.

Nebenwirkungen und Fallstricke bei Trazodon

  • Serotonerges Risiko: Bei Hunden unter SSRI, trizyklischen Antidepressiva, vor allem aber MAO-Hemmern (Selegilin, z. B. Selgian®) oder Tramadol besteht ein Risiko für ein Serotoninsyndrom. Die Dauermedikation muss vor jeder PVP-Verordnung aktiv abgefragt werden – Halter erwähnen Fluoxetin von sich aus oft nicht, weil sie es nicht als „Medikament“ verbuchen. Kombination nur mit Dosisanpassung und Aufklärung.
  • Paradoxe Enthemmung: Bei einem Teil der Hunde führt Trazodon zu Unruhe, Vokalisation oder Enthemmung statt Beruhigung. Deshalb gilt die Regel unten zur Testdosis zuhause ausnahmslos.
  • Primäre Hämostase und EKG: Eine placebokontrollierte Studie beschreibt Effekte von Trazodon auf die primäre Hämostase und elektrokardiographische Parameter beim Hund. Klinische Relevanz ist bei Einzelgaben an gesunden Tieren gering, aber bei präoperativem Einsatz, bekannten Gerinnungsstörungen oder kardialen Vorerkrankungen gehört das in die Abwägung.
  • Sedation und Ataxie – gleiche Halteraufklärung wie bei der Katze: Treppen, Autofahrt, Sturzrisiko, Warmhalten.

 

Und die Katze? Trazodon ist bei der Katze beschrieben, die Datenlage ist jedoch schmaler und das Nebenwirkungsprofil weniger vorhersehbar. Für PVP bei der Katze bleibt der Weg über Pregabalin beziehungsweise Gabapentin die besser belegte und praktikablere Wahl. Von Kombinationen bei der Katze würden wir außerhalb sehr begründeter Einzelfälle absehen.

„Wir behandeln bei PVP nicht die Untersuchung, sondern den Weg dorthin. Für die meisten Patienten ist der schlimmste Teil des Termins längst gelaufen, wenn sie bei uns ankommen.“

Warum die Standardkombination nicht für jeden Patienten passt

Gabapentin plus Trazodon hat sich als De-facto-Standard für PVP beim Hund etabliert. Dass PVP überhaupt so breit angekommen ist, ist ein echter Fortschritt. Problematisch wird es erst dort, wo aus einer bewährten Kombination ein Blankoprotokoll wird, das jeder Patient unabhängig von seinem Profil bekommt.

TRAZODON – Paradoxe Aktivierung und warum der Metabolit die bessere Erklärung ist

Ein Teil der Hunde reagiert auf Trazodon mit Unruhe, Vokalisation und gesteigerter Erregung statt mit Beruhigung. Das ist keine Frage mangelnder Compliance, sondern pharmakologisch erklärbar – allerdings nicht über die Ausgangssubstanz.

Trazodon selbst wirkt am 5-HT2C-Rezeptor antagonistisch. Der aktivierende Effekt geht auf den einzigen aktiven Metaboliten zurück: mCPP (meta-Chlorphenylpiperazin), gebildet über CYP3A. mCPP ist ein 5-HT2C-Agonist, und genau diesem Agonismus wird die anxiogene Wirkung zugeschrieben.

Das ist beim Hund nicht nur theoretisch: In der Pharmakokinetikstudie zu Trazodon beim Hund wurden ausgeprägte Aggression, Angst, Tachykardie und Ataxie nach intravenöser Gabe auf hohe zirkulierende mCPP-Konzentrationen zurückgeführt.

Daraus folgt die klinisch entscheidende Konsequenz: Dieselbe mg/kg-Dosis kann bei zwei Hunden völlig unterschiedliche Effekte erzeugen – bei dem einen Beruhigung, bei dem anderen Aktivierung.

Praktisch heißt das: Reagiert ein Hund aktiviert, ist Titrieren innerhalb der Substanz der falsche Weg. Mehr Trazodon bedeutet auch mehr mCPP. Hier gehört die Substanzklasse gewechselt, nicht die Dosis justiert.

Was daraus folgt

  • Die Testdosis zu Hause ist bei diesen Überlegungen keine Formalie, sondern das eigentliche Diagnostikum: Wirkeintritt, Wirkmaximum, Wirkdauer und individuelle Reaktion lassen sich nur ohne Termindruck sauber beurteilen.
  • Bleibt die Wirkung aus, ist die erste Frage nicht „mehr davon“, sondern „passt das Wirkprinzip zu diesem Patienten“.
  • Sedation bei unveränderter Angst ist ein Warnsignal, kein Teilerfolg.

Warum wir Alprazolam für PVP nicht empfehlen

Benzodiazepine wirken enthemmend. Sie dämpfen nicht nur die Angst, sondern auch die Verhaltenshemmung, die ein Hund normalerweise aufbringt, bevor er in die Eskalation geht. Für Hunde mit Aggressionsanamnese gilt Alprazolam deshalb als kontraindiziert – so weit ist die Lehrbuchlage eindeutig.

Nur: Diese Abgrenzung trägt in der Praxis nicht. Welcher Hund kann in der Untersuchungssituation nicht an seine Grenze kommen? Fixation, Enge, fremde Hände, Schmerz, kein Fluchtweg – Abwehrverhalten ist hier keine Charaktereigenschaft auffälliger Patienten, sondern eine normale Reaktion auf eine überfordernde Situation. Praktisch jeder Hund kann sie zeigen, auch der, der zu Hause nie ein Problem macht. Eine Aggressionsanamnese im Vorbericht ist also kein verlässliches Ausschlusskriterium, sondern nur die Spitze dessen, was möglich ist.

Dazu kommt der gefährlichere Teil: Enthemmung trifft zuerst die Vorwarnsignale. Der Hund erstarrt weniger deutlich, knurrt seltener, zeigt die Zahnreihe nicht mehr – und geht aus einer Situation heraus zum Biss über, die vorher noch lesbar gewesen wäre. Für das Team ist genau diese Lesbarkeit die wichtigste Schutzausrüstung. Wer sie pharmakologisch abschaltet, erhöht das Verletzungsrisiko, obwohl der Hund äußerlich ruhiger wirkt.

Unsere Empfehlung ist deshalb klar: Für PVP beim Hund setzen wir Alprazolam nicht ein. Gabapentin, Trazodon und ihre Kombination decken das Indikationsfeld ab, ohne die Verhaltenshemmung zu untergraben. Benzodiazepine behalten ihren Platz bei anderen Fragestellungen – etwa der ereignisbezogenen Geräuschangst, wo kein Handling durch fremde Personen stattfindet – und dort immer erst nach einer Testgabe im entspannten Alltag.

Auswahl in der Praxis: eine kurze Entscheidungslogik

  • Was ist das Ziel? Reine Anxiolyse für eine kurze klinische Untersuchung – oder soll auch eine schmerzhafte Manipulation möglich werden? Letzteres ist kein PVP-Fall mehr, sondern eine Sedations- oder Narkoseindikation (!).
  • Welche Untersuchung ist geplant? Neurologie, Orthopädie und Gangbildanalyse verträgt sich schlecht mit α2δ-Liganden. Ophthalmologie ist unter Gabapentin unproblematisch. Blutdruckmessung profitiert erheblich.
  • Welche Vorerkrankungen? CNI (Dosisreduktion), Lebererkrankung (Trazodon-Metabolisierung), Kardiopathie, Epilepsie, Trächtigkeit.
  • Welche Dauermedikation? Serotonerge Substanzen aktiv erfragen, cave bei Selegilin/Selgian®.
  • Wie war der letzte Termin? Wenn eine Substanz in adäquater Dosis versagt hat, ist Titration oder Kombination sinnvoller als ein Präparatewechsel ins Blaue.
  • Reicht PVP überhaupt? Bei einem Tier mit ausgeprägter Praxisphobie ist PVP Symptommanagement. Der Behandlungspfad heißt zusätzlich Verhaltensmedizin und Medical Training.

Die fünf häufigsten Fehler

  • Zu späte Gabe. Das Medikament wird kurz vor der Abfahrt gegeben oder – der Klassiker – im Wartezimmer. Damit wirkt es genau dann, wenn der Termin vorbei ist, und der aversivste Teil (Boxeinstieg, Autofahrt) läuft unbehandelt.
  • Keine Testdosis. Die erste Gabe gehört an einem ruhigen Tag zu Hause verabreicht, ohne Termin. So kennen Halter und Praxis die individuelle Reaktion, und paradoxe Effekte fallen nicht mitten in einen wichtigen Termin. Diese Regel ist bei Trazodon und Benzodiazepinen nicht verhandelbar.
  • Zu niedrige Dosis aus Vorsicht. Eine unterdosierte PVP-Gabe erzeugt Nebenwirkung ohne Nutzen und verbrennt das Vertrauen der Halter in die Methode. Lieber sauber titrieren als homöopathisch beginnen.
  • Halter nicht aufgeklärt. Wer nicht weiß, dass sein Hund evtl. etwas wackelig sein wird, ruft in Panik an. Ein einseitiges Merkblatt löst das Problem dauerhaft.
  • PVP als Ersatz für Praxisgestaltung. Wenn der Hund im Wartezimmer weiter frontal auf drei andere Hunde schaut, hilft auch Trazodon nur begrenzt. PVP und Umgebungsmanagement wirken multiplikativ, aber nicht alternativ.

Organisation: was sich im Praxisalltag bewährt

  • PVP bei der Terminvergabe mitdenken. Die Anmeldung fragt bei bekannten Angstpatienten nach – und der Termin wird so gelegt, dass das Wirkfenster passt (Vermeidung von Wartezeit).
  • Standardisiertes Halter-Merkblatt pro Substanz: Zeitpunkt, Applikationstipps, erwartete Wirkung, Sicherheitshinweise für zu Hause, Rückfragennummer.
  • Rückmeldeschleife. Nach dem Termin wird die Wirksamkeit im Patientenblatt dokumentiert – Score, Dosis, Zeitpunkt. Nur so wird beim nächsten Mal titriert statt geraten.
  • TFA-Team einbeziehen. Die Kolleginnen an der Anmeldung erkennen den Angstpatienten oft früher als wir und sind die Schlüsselstelle für die Halteraufklärung. Ausgebildete Coaching-TFAs können das Medical Training in der Praxis ausführen – ideal für zukünftige Behandlungen.
  • Boxentraining kommunizieren. Die beste Anxiolyse nützt wenig, wenn die Transportbox einmal im Jahr aus dem Keller kommt. Ein kurzer Hinweis auf Boxentraining beim Erstbesuch des Welpen oder Kittens spart uns Jahre später viel Arbeit.

„Ein sedierter Patient, der weiterhin Angst hat, hat nur seine Fluchtmöglichkeit verloren. Gelernt hat er dasselbe wie vorher.“

Warum wir Alprazolam für PVP nicht empfehlen

Benzodiazepine wirken enthemmend. Sie dämpfen nicht nur die Angst, sondern auch die Verhaltenshemmung, die ein Hund normalerweise aufbringt, bevor er in die Eskalation geht. Für Hunde mit Aggressionsanamnese gilt Alprazolam deshalb als kontraindiziert – so weit ist die Lehrbuchlage eindeutig.

Nur: Diese Abgrenzung trägt in der Praxis nicht. Welcher Hund kann in der Untersuchungssituation nicht an seine Grenze kommen? Fixation, Enge, fremde Hände, Schmerz, kein Fluchtweg – Abwehrverhalten ist hier keine Charaktereigenschaft auffälliger Patienten, sondern eine normale Reaktion auf eine überfordernde Situation. Praktisch jeder Hund kann sie zeigen, auch der, der zu Hause nie ein Problem macht. Eine Aggressionsanamnese im Vorbericht ist also kein verlässliches Ausschlusskriterium, sondern nur die Spitze dessen, was möglich ist.

Dazu kommt der gefährlichere Teil: Enthemmung trifft zuerst die Vorwarnsignale. Der Hund erstarrt weniger deutlich, knurrt seltener, zeigt die Zahnreihe nicht mehr – und geht aus einer Situation heraus zum Biss über, die vorher noch lesbar gewesen wäre. Für das Team ist genau diese Lesbarkeit die wichtigste Schutzausrüstung. Wer sie pharmakologisch abschaltet, erhöht das Verletzungsrisiko, obwohl der Hund äußerlich ruhiger wirkt.

Unsere Empfehlung ist deshalb klar: Für PVP beim Hund setzen wir Alprazolam nicht ein. Gabapentin, Trazodon und ihre Kombination decken das Indikationsfeld ab, ohne die Verhaltenshemmung zu untergraben. Benzodiazepine behalten ihren Platz bei anderen Fragestellungen – etwa der ereignisbezogenen Geräuschangst, wo kein Handling durch fremde Personen stattfindet – und dort immer erst nach einer Testgabe im entspannten Alltag.

Grenzen und offene Fragen

Bei aller Begeisterung für PVP – und die ist berechtigt – lohnt der nüchterne Blick auf die Datenlage. Die Schlüsselstudien arbeiten mit kleinen Fallzahlen (jeweils 20 Tiere in den maßgeblichen Arbeiten zu Katze und Hund) und stützen sich stark auf halterbewertete Endpunkte.

Datenlage – korrigiert nach Prüfung der Originalarbeit

Eine randomisierte, doppelt verblindete, placebokontrollierte Crossover-Studie an 20 Hunden mit dokumentierter Angst untersuchte eine Einzeldosis von 9–12 mg/kg, 90 Minuten vor dem Transport. Die Ergebnisse sind differenzierter, als sie häufig zitiert werden:

  • Stressscores signifikant niedriger in der Halterbewertung und der verblindeten Videoanalyse
  • Die Bewertung durch die Untersucher unterschied sich nicht von Placebo
  • Physiologisch: Atemfrequenz signifikant niedriger, mittlere Herzfrequenz jedoch höher – passend zum α1-Antagonismus mit Reflextachykardie
  • Beim Serumcortisol und den übrigen physiologischen Variablen: kein signifikanter Unterschied

Die Studie belegt also eine Verbesserung des beobachtbaren Verhaltens, nicht aber eine durchgängige Dämpfung der physiologischen Stressantwort. Das ist unbequem – untermauert aber genau die Kernthese dieses Artikels: Ruhiger aussehen und weniger Angst haben sind nicht dasselbe.

 

Für Kombinationsprotokolle beim Hund gibt es viel klinische Erfahrung, aber wenig kontrollierte Evidenz. Und für die Frage, ob PVP die Angstentwicklung über Jahre tatsächlich verhindert – der eigentlich interessante Endpunkt –, fehlen Längsschnittdaten vollständig.

Unsere persönlichen Erfahrungen zeigt gute Ergebnisse in dem Verlauf der einzelenen Patienten. Allerdings muss man dazu erwähnen, dass wir unsere Therapie nie allein auf die medikamentelle Behandlung stützen. Wir kombinieren immer Management, Alltagsstruktur, Erweiterung der Kommunikations-Skills, Verhaltenstherapie und Medical Training mit den Event-Medikationen und empfehlen in diesem Zusammenhang auch die Kooperation mit spezialisierten Tierärztinnen für Verhaltenstherapie.

Fazit

PVP ist eine der wenigen Maßnahmen in der Kleintierpraxis, die gleichzeitig Tierschutz, diagnostische Qualität, Arbeitssicherheit und Halterbindung verbessern. Der Aufwand ist gering, der Effekt ist unmittelbar sichtbar.

Vier Sätze zum Mitnehmen:

  • Anxiolyse ist das Ziel, nicht Sedation.
  • Die Gabe erfolgt vor dem Verladen, nicht vor dem Termin.
  • Die Testdosis gehört nach Hause, nicht in den Ernstfall.
  • Bei der Katze ist seit der Bonqat-Zulassung die Kaskadenfrage zu beantworten, bevor das Gabapentin-Rezept geschrieben wird.

 

Bleibt der Patient trotz adäquater PVP nicht behandelbar, ist das keine Frage der Dosis mehr, sondern eine verhaltensmedizinische Indikation. Für solche Fälle braucht es zum einen erfahrene Verhaltensmedizinerinnen und Verhaltensmediziner – und zum anderen ein funktionierendes Netzwerk aus Kolleginnen und Kollegen verschiedener Fachrichtungen, das gemeinsam den Behandlungspfad trägt und weiß, wie wir mit einem Medical-Training-Patienten in der Sprechstunde kommunizieren und das Handling abstimmen.

Quellen

  • van Haaften, K. A. et al.: Effects of a single preappointment dose of gabapentin on signs of stress in cats during transportation and veterinary examination. Journal of the American Veterinary Medical Association, 2017; 251(10): 1175–1181.
  • Kim, S.-A., Borchardt, M. R., Lee, K., Stelow, E. A., Bain, M. J.: Effects of trazodone on behavioral and physiological signs of stress in dogs during veterinary visits: a randomized double-blind placebo-controlled crossover clinical trial. Journal of the American Veterinary Medical Association, 2022; 260(8): 876–883.
  • Effects of a single dose of orally administered gabapentin in dogs during a veterinary visit: a double-blinded, placebo-controlled study. Journal of the American Veterinary Medical Association, 2022; 260(9).
  • Gabapentin: Clinical Use and Pharmacokinetics in Dogs, Cats, and Horses. Animals, 2023; 13(12): 2045.
  • Gabapentin reduces stress and does not affect ocular parameters in clinically normal cats. Journal of Feline Medicine and Surgery / PubMed PMID 36006034, 2022.
  • Adverse effects of trazodone in dogs on primary hemostasis and electrocardiogram: A single-blinded placebo-controlled crossover study. Journal of Veterinary Internal Medicine, 2023; 37(6): 2131 ff.
  • Jay, A. R. et al.: Pharmacokinetics, bioavailability, and hemodynamic effects of trazodone after intravenous and oral administration of a single dose to dogs. American Journal of Veterinary Research, 2013; 74(11): 1450–1456.
  • Characterization of trazodone metabolic pathways and species-specific profiles. Frontiers in Pharmacology, 2025.
  • Metabolism of m-CPP, trazodone, nefazodone, and etoperidone: clinical and forensic aspects. Drug Metabolism Reviews, 2025.
  • Europäische Kommission / EMA: Bonqat 50 mg/ml Lösung zum Eingeben für Katzen (Pregabalin) – Zusammenfassung der Merkmale des Tierarzneimittels, Zulassung 2022.
  • Verordnung (EU) 2019/6 über Tierarzneimittel, Art. 112; Tierarzneimittelgesetz (TAMG), in Kraft seit 28.01.2022.
  • Bundestierärztekammer: FAQ zum EU-Tierarzneimittelrecht; Auslegungshinweise zum Tierarzneimittelrecht (BTK/AG TAM).
  • Gurney, M., Heath, S.: Medication protocols for emotionally challenged dogs during veterinary visits and procedures. Zero Pain Philosophy / Behavioural Referrals Veterinary Practice.
  • Crowell-Davis, S. L., Murray, T., de Souza Dantas, L. M.: Veterinary Psychopharmacology, 2nd ed. Wiley-Blackwell, 2019.
  • Rodan, I. et al.: AAFP/ISFM Feline-Friendly Handling Guidelines. Journal of Feline Medicine and Surgery.
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