Züchterwahl, Verantwortung und warum Qualzucht nicht nur körperliche Symptome betreffen kann 

Inhaltsüberblick

In unserem Artikel über Tierschutzhunde (12/23) hatte ich schon erwähnt, dass in meiner verhaltenstherapeutischen Sprechstunde gleichermaßen Tiere vom Züchter wie auch Tiere aus dem Tierschutz Patienten sind. Selbstredend kommen hier den Züchtern von Hunden eine wichtige Rolle zu, die gar nicht unterschätzt werden können.

Auf der Suche nach dem Hund, der zu mir passt.

Selbstverständlich sollten wir darauf achten, nicht von einem sog. „Vermehrer“ einen Welpen zu erstehen. Um „Kofferraum-Welpen“, und Welpen aus dem Ausland – weil dort so viel günstiger – sollte man schon aus Tierschutz-Gründen einen großen Bogen machen. Aber auch Welpen, die mir in einer Wohnung auf den Schoß gesetzt werden, deren (echtes) Muttertier nicht anwesend ist (oder deren angebliches Muttertier kein Gesäuge aufweist, welches danach aussieht, als hätten vor kurzem Welpen daran gesäugt) gehören selbstverständlich zu den Tabus. Doch darüber gibt es schon viele Veröffentlichungen, die man lesen sollte, bevor man sich für einen Welpen entscheidet. Wir möchten heute andere Aspekte einer guten Hundezucht besprechen.

Um zukünftig mit dem Rassehund meiner Wahl ein schönes, gemeinsames Leben zu führen gehören nicht nur körperliche Merkmale, die der Rasse entsprechen und ein gesundes Leben ermöglichen. Vor allem das Wesen und der Charakter meines Hundes, trägt entscheidend zu dem Alltag, wie entspannten Spaziergängen, Ruhezeiten zuhause oder im Büro und schönen gemeinsamen Urlauben bei.

Wenn Züchter sich bei der Wahl der Elterntiere auf „Super-Preisträger“ konzentrieren, deren Merkmale in Größe, Farbe oder Temperament bei Leistungszuchten liegen, können sie unabsichtlich Verhaltensweisen fördern. Diese Auffälligkeiten liegen nicht immer im besten Interesse eines Hundes (und seinem Menschen), der ein Familienhund und Alltagsbegleiter werden soll. Dazu später mehr.

 

Große Verantwortung der Züchter in vielen Bereichen

Züchter tragen eine große Verantwortung, damit die Welpen gut und sicher aufwachsen. Gesundheitskontrollen, Entwurmungen im 2-Wochen-Intervall (mit schriftlichem Nachweis), mindestens eine Impfung, gute Ernährung der Welpen und der Mutter – all das ist der fruchtbare Boden, auf dem die Welpen aufwachsen dürfen.

Aber auch für das Wesen und das Verhalten des Hundes ist die Rolle der Züchter entscheidend. Ein besonderes Augenmerk liegt hier auf hyperaktivem, nervösem oder überängstlichem Verhalten, welches oft mit einer unausgewogenen Zuchtpraxis in Verbindung gebracht wird.

Welpen, die permanent angeschaltet wirken sind ein verbreitetes Verhaltensmuster, das mit Zuchtpraktiken in Verbindung stehen kann. Diese Hunde laufen permanent auf Hochtouren, zeigen oft eine gesteigerte Erregbarkeit, Überreizung und Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen. Dieses Verhalten kann nicht nur auf genetische Anlagen zurückzuführen sein, sondern auch auf die Umgebung, in der die Welpen aufgezogen werden.

Eine gute Sozialisierung und Umweltstimulation während der Aufzuchtsphase sind entscheidend, um das Wesen der kleinen Vierbeiner zu fördern. Fehlt dieses Input können allein daraus Defizite entstehen, die einen unerfahrenen Besitzer schnell überfordern. Das kann zu einem Teufelskreis führen, an deren Ende ein unglücklicher Hund mit seinem Besitzer steht. 

 

Woran erkenne ich wirklich einen guten Züchter?

Soziale Interaktion

Kontrollierte Begegnungen mit verschiedenen Menschen und Tieren. Dagegen stehen die Bedenken, dass hierbei Krankheiten auf die Welpen übertragen werden könnten. So nachvollziehbar das sein mag – eine Aufzucht, in der die Hunde nur die Züchter selbst als Kontaktpersonen haben, kann für den Welpen nicht ausreichen, um sich fremden Menschen gegenüber offen und entspannt zu verhalten.

Geräuschgewöhnung

Viele Züchter leben auf dem Land. Logisch, hier hat man den Platz, um die Welpen aufzuziehen. Eine Umgebung, in der sich Fuchs und Hase sich Gute-Nacht sagen ist zwar wunderschön, aber viele Welpen werden in kleinere oder größere Städte abgegeben und sind nicht selten überfordert mit der Masse an Gerüchen und neuen Geräuschen, ganz zu schweigen von der visuellen Flut an Neuem. Auch hier können Züchter helfen, die kleinen Welpen durch Geräuschtraining und Ausflüge an diese Reize zu gewöhnen.

Leinen- und Geschirrtraining

Das Anlegen des Brustgeschirrs wird im neuen Heim häufig assoziiert mit einem mindestens aufregendem, wenn nicht stressigen oder gar angstauslösenden Verlassen der sicheren Wohnung. Damit diese Verknüpfung nicht erfolgt ist es eine große Hilfe, wenn schon der Züchter mit den Welpen Geschirrtraining im Garten oder auf der Straße vor dem Haus durchführt.

Verschiedene Untergründe

Glänzende Bodenfliesen, Gitterboden, Asphalt, der die Gerüche all der Menschen und Hunde trägt – das Erkunden verschiedener Böden und Texturen hilft sehr dabei, sich später sicher und entspannt auf allen Untergründen zu bewegen.

Handling und Medical Basics

Das Training der üblichen Untersuchungs- oder Behandlungshandgriffe, wie die Kontrolle der Zähne, das Berühren der Pfoten zum Sauermachen, die Untersuchung von Ohren und Augen oder das Drehen auf den Rücken – all das kann von klein auf geübt werden und macht das Leben – beim Tierarzt, aber auch zuhause – leichter.

Autofahren

Wenn die erste Fahrt auch noch bedeutet, dass man bei wildfremden Menschen in der Box sitzt, alle Gerüche unbekannt und Mama und die Geschwister alle weg sind, dann ist es kein Wunder, dass Autofahren von Anfang an kein gutes Image hat. Abgesehen davon, dass sich die Kleinen durch die sogenannte Kinetose oder Reiseübelkeit ohnehin nicht gut fühlen. Wenn der Züchter ab und an einen kleinen Ausflug im Auto mit den Welpen macht, kann das Risiko einer Verknüpfung deutlich gemildert werden.

Kinder

Aus Augen des Hundes sind Kinder keine kleinen Menschen, sondern neue Lebewesen, die helle Stimmen haben, sich spontan oder sogar unkoordiniert bewegen und die häufig nicht so empathisch auf die Welpen reagieren, wie ein Erwachsener. Umso wichtiger ist es, dass die Welpen regelmäßig kontrollierten Kontakt zu diesen unberechenbaren Zweibeinern haben, denn man kann ja nicht wissen, welcher der Welpen später in einer Familie mit kleinen Kindern kommt.

Auswahl der Zuchttiere

Hier hat sich schon vieles verbessert. Nach wie vor zeigen aber die Patienten in der Verhaltenstherapie, dass vererbbare, negative Wesenszüge immer wieder der hervorragenden Optik und den Preisen des Champions bei der Auswahl des Vater- oder Muttertieres untergeordnet werden.

Kritisch zu betrachten ist hierbei auch die Nachverfolgung der eigenen Aufzucht. Viel zu wenige Züchter fragen nach der Wesensentwicklung Ihrer Welpen längerfristig aktiv nach. Und noch viel seltener erfolgen diese Nachfragen bis der Hund auch geistig erwachsen, also ca. 3 Jahre alt ist.

Eben das wäre aber eine sinnvolle Maßnahme, um gezielt Elterntiere aus der Zucht zu nehmen, die gehäuft Nachkommen mit Wesenseigenschaften aufweisen, die den Alltag mit dem Hund anstrengend, vor allem aber das Leben des Hundes selbst leidvoll machen.

Nur als Gedanke: Milchkühe werden bis zu ihrem Lebensende auf Nervosität und das Verhalten beim Melken beurteilt. Und diese Beobachtungen der Landwirte haben schließlich Einfluss auf den Zuchtwert des Bullen. Auch hier wurde laut Aussagen von Experten früher vor allem über Äußerlichkeiten beurteilt. Aber die saubere Selektion auf erfasste und geprüfte Merkmale führte in der modernen Rinderzucht zu deutlichen Verbesserungen. 

Natürlich hat auch der zukünftige Besitzer viel Einfluss auf den Hund und selbstredend lässt die Wesensbildung sich nicht eindeutig durch den ein oder anderen Faktor begründen. Aber ein Elterntier, dem z.B. immer wieder hochtourige, nervöse Welpen entspringen, sollte nicht weiter als Zuchttier gewählt werden. Dies ist aber nur möglich, wenn Züchter hier verantwortungsvoll auswählen, Kontakt zu Ihren Sprösslingen halten und auch selbstkritisch mit den eigenen Elterntieren verfahren.

Bei körperlichen Merkmalen passiert diese Auswahl durch den Zuchtverband (wenn der Züchter Mitglied ist). Bei Merkmalen, die das Wesen und Verhalten beeinflussen ist meiner persönlichen Meinung hier bei einigen Zuchtverbänden Luft nach oben. 

Für den zukünftigen Hundebesitzer ist es aber wichtig, das Verhalten des Muttertieres sehr genau zu beobachten. Salopp formuliert: Wenn das Muttertier (oder auch das Vatertier) sich gesteigert aggressiv verhält, viel bellt oder einen sehr nervösen oder ängstlichen Eindruck macht, wäre es empfehlenswert sich auch noch andere Züchter anzuschauen.

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