… und plötzlich hat er geschnappt!

Inhaltsüberblick

In meiner Sprechstunde für Verhaltenstherapie habe ich die Erfahrung gemachte, dass den meisten Hunden, die schnappen oder beißen Unrecht getan wird. Vor dem angeblich plötzlichen Biss ohne Vorwarnung werden häufig noch „Bände gesprochen“…. Aber niemand hat sie gelesen. 

Warum Hunde sich angeblich ohne Vorwarnung aggressiv verhalten.

Wenn wir einen englischen Austausch-Schüler bei uns aufnehmen, dann lernen wir selbstverständlich vorher ein paar Wörter in seiner Sprache. „Good morning!“ „Do you like tea or coffee?“ Wenn sie einen Hund adoptieren, machen die wenigsten Menschen vorher einen Sprachkurs. Dabei wäre es hier doch noch viel wichtiger. 

So ist unser neues Familienmitglied ein Wesen, das Abstufungen von „lieber nicht“ oder „absolut Nein“ in seiner Sprache durchaus beherrscht. Dieser Teil der Kommunikation ist wichtig, um eine die Vergrößerung der Distanz vom Gegenüber zu erreichen. Aber während wir Menschen einem starrköpfigen Gegenüber sehr streng aber immer noch höflich sagen „Jetzt lass das bitte!!“ sieht eben genau diese Botschaft bei einem Hund ganz anders aus.

Die Abstufungen des Drohens werden gelernt

Hunde lernen diese Abstufungen – die Drohphasen – von dem Muttertier und von, im besten Fall, geduldigen anderen Hunden in der Jugendzeit.

Lernen an einem Beispiel:

Wenn ein kleiner Welpe sich einem fressenden Hund nähert, der sein Futter nicht gerne teilt, dann wird dieser zunächst aufhören zu fressen und dabei steif und unbeweglich bleiben 

Vom unerfahrenen Welpen ungehört, der weiter auf den Napf zuläuft, zeigt das fressende Tier nun die nächste Drohphase. Es streckt den Kopf nach vorne und starrt dem Kleinen direkt in die Augen.

Jetzt ist es 5 vor 12 und der Kleine sollte abdrehen. Tut er’s nicht, weil dies seine erste Lektion ist, dann folgt jetzt das Knurren, deutliches Zähnefletschen und evtl. langsames Verlagern des Gewichtes, um den Sprung nach vorne vorzubereiten.

Hat der Kleine die Botschaft immer noch nicht verstanden? Wer nicht hören will muss fühlen:

Ein sehr schneller und plötzlicher Sprung oder ein Herumreißen des Kopfes in Richtung des kleinen Schülers mit einem unangenehmen Umwerfen oder Zwicken ins Fell bringen mit Sicherheit den gewünschten Erfolg: Dass der Welpe sich schließlich vom „Eigentum“ – dem Futternapf – schnell und meist mit Winseln entfernt.

In der Regel ist bei dem kleinen Schüler nur der Stolz verletzt und nicht mehr.

Es wäre im Sinne des Überlebens auch nicht zielführend, wenn man den eigenen Rudelmitgliedern bei den Lektionen jedes Mal körperlichen Schaden zufügt.

Von guten Hundemüttern oder Mitgliedern des gleichen Rudels werden diese Zurechtweisungen infolgedessen mit großer Kontrolle der körperlichen Maßnahmen ausgeführt. Die Beißhemmung ist sehr hoch und es geht mehr um den Überraschungseffekt als darum, Schmerz zuzufügen.

Beim nächsten Mal wird der Welpe schon auf die erste oder zweite Stufe mit dem instinktiven Beschwichtigungsverhalten antworten und die Distanz – wie gewünscht – zum Artgenossen vergrößern.

Können wir es kommen sehen?

Nun ersetzen wir in unserem Beispiel den kleinen Welpen durch ein Kind….

Auch hier neigen manche Hunde dazu, dem kleinen Mitglied aus dem Mensch-Hunde-Rudel, die Lektionen beibringen zu wollen. Manche Hunde tun das, weil sie die geborenen KindergärtnerInnen in einem Hunderudel wären, manche sind besonders Futter-affin und wieder andere sind schlecht sozialisiert und schätzen die Nähe von kleinen, spontanen Zweibeinern nicht sehr, und möchten beim Fressen gerne mehr Distanz. 

Wie auch immer die Motivation aussehen mag, die dahinter steht: Das Ergebnis ist immer gleich erschreckend für die Besitzer. Vermeintlich hätte Hund „hat das Kind plötzlich angeknurrt, angefallen oder nach ihm geschnappt“.

Das angeblich plötzliche Verhalten wurde in der Regel aber deutlich angekündigt. Aber weder das Kind (wie auch?) noch die Eltern haben gelesen was von Seiten des Hundes kommuniziert wurde.

Aus dem Unvermögen, die Körpersprache eines Hundes zu lesen oder schlicht einem Mangel an Aufmerksamkeit entstehen viele dieser Situationen – sowohl zwischen Hunden und Kindern als auch zwischen Hunden und Erwachsenen.

Wie reagiert man richtig auf die Drohgebärden?

Wäre es denn damit getan, auf die Warnung des Hundes zu reagieren und sich langsam zu entfernen?

Ja. Das wäre zunächst die richtige Reaktion, um die Situation einerseits zu entschärfen und eine Eskalation zu verhindern.

Die Empfehlung geht aber klar dahingehend, eine solche Situation danach zusammen mit einer/m TierärztIn oder einer/m spezialisierten TFA für Verhaltensberatung zu analysieren und Wege zu finden, die Motivation für Drohen oder Schnappen deutlich zu verringern. Diese Spezialisten sind auch deshalb die richtigen Ansprechpartner, weil plötzlich auftretendes aggressives Verhalten oder eine verkürzte Drohphase bei einem älteren Tier ein Hinweis auf Schmerzen oder eine Krankheit sein können. 

Bei aversivem Verhalten von Hunden gegenüber Menschen gibt es keine Patentrezepte. Es gilt, sehr genau hinzusehen, individuell zu beurteilen, warum ein Hund Drohverhalten zeigt und dieses dann im Rahmen eines Coachings mit Spezialisten zu korrigieren. 

Achtung! Auf Drohverhalten mit Schimpfen oder Strafen zu reagieren ist höchst gefährlich, nicht nur deshalb, weil der Hund in so einer Situation feste zubeißen könnte. Vermeintliche Fachleute, die hier mit Gewalt, Druck oder Strafe arbeiten sind tunlich zu meiden!

Auch wenn es uns auf den ersten Blick stutzig macht: Wenn ein Hund ein Problem mit seinem Gegenüber hat, ist es von Vorteil, wenn er uns warnt. Schlimmer wäre es, wenn er ohne Vorwarnung zubeißt. 

Wenn man einem Hund das Drohen durch Strafe oder Ignoranz abgewöhnt, hat man nur die äußere Symptomatik aber nicht die Ursache des aggressiven Verhaltens verändert.

Oder, wie die kanadische Hundepsychologin Yamei Ross sagt: 

„Den Hund für ein Knurren zu bestrafen hat den gleichen Effekt, wie die Batterien aus dem Rauchmelder zu nehmen. Man hört das Geräusch nicht mehr, aber die Gefahr ist immer noch präsent.“

Verkürzte Drohphasen machen das Sozialleben schwieriger

Besonders beim Welpen passiert es leicht, das natürliche Drohverhalten regelrecht weg-zu-trainieren. Leider sind es oft Kinder, die hier unwissend Schaden anrichten. So schleppen sie zum Beispiel einen kleinen Hund mit ungeschicktem Griff durch die Gegend. Der Welpe hat dabei Angst oder sogar Schmerzen und versucht, durch Knurren oder vorsichtiges Beißen die unangenehme Situation zu beenden. In einem bestimmten Alter finden manche Kinder es aber sogar reizvoll, sich über das Drohverhalten hinwegzusetzen. So lassen sie von dem Welpen erst ab, wenn dieser fester beißt. 

Die Lernerfahrung des Welpen: „Drohen bringt hier nicht den gewünschten Effekt. Sofort feste beißen ist die bessere Lösung!“ Dies ist eine Erfahrung in der Sozialisierungsphase, die im Erwachsenenleben dieses Hundes zu vielen gefährlichen Situationen im Zusammenleben führen können. Wenn es dann noch zu einer Generalisierung – sprich zu einer umfassenden Anwendung dieser aggressiven Strategie auch in anderen Bereichen des Lebens mit dem Hund – kommen sollte, wird es ein sehr langwieriges Stück verhaltenstherapeutischer Arbeit, ihn davon wieder abzubringen.

Nach der Adoption eines Welpen tragen wir Menschen die Verantwortung für die richtige Entwicklung des Sozialverhaltens und der Kommunikation. Jeder Welpe ist anders. Ein Patent-Rezept für den Umgang mit Drohverhalten gibt es nicht. Auch das ist der Grund, eine gute Welpenspielstunde zu besuchen und damit einen kompetenten Ansprechpartner für die ersten Wochen zu haben. 

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