Mutterschaft im Kopf – Scheinträchtigkeit kann psychisch belasten

Inhaltsüberblick

Die sogenannte Scheinträchtigkeit

Schäferhund-Mischling Amanda kam zu mir in die verhaltenstherapeutische Sprechstunde, weil sie einen Nordic Walker gezwickt hatte. Die vierjährige Hündin hatte immer schon Angst vor den Sportlern mit den Stöcken, aber bisher vergrößerte sie einfach die Distanz zu diesen, indem sie einen Bogen machte. 

Diese neue Strategie machte den Besitzern große Sorgen und sie befürchteten, dass Amanda nun öfters diese aggressive Strategie bei vermeintlich gefährlichen Menschen einschlagen könnte.

Die Anamnese ergab, dass die unkastrierte Hündin zu diesem Zeitpunkt scheinträchtig war. Diese Phase im Zyklus der Hündin beginnt im Anschluss an die Läufigkeit und hält zwischen 2 – 8 Wochen unterschiedlich lange an. 

Anders als in den Jahren zuvor kam bei Amanda an diesem Tag noch ein weiterer Faktor dazu: Die Freundin von Amandas Frauchen hatte 4 Wochen zuvor einen Welpen aufgenommen. So verbrachten die beiden Frauen und die Hunde viel Zeit miteinander und Amanda „adoptierte“ den Kleinen.

Die Vorgeschichte legte den Verdacht nahe, dass sich Amanda unter dem Einfluss der Hormone und mit der Anwesenheit des Welpen so verhielt, wie sich viele Tiermütter verhalten, wenn sie ihre Welpen vor potenziellen Feinden schützen möchten – sie vertreiben sie mit gesteigerter Aggressivität.

Durch neue Studien und das Umdenken vieler Tierärzte in punkto Kastration der Hündin bleiben viele Hündinnen unkastriert. So durchlaufen sie physiologisch zweimal jährlich ihren Zyklus. Diese hormonelle Umstellung führt bei Hunden gerade für Ersthundebesitzer zu überraschenden Änderungen im Verhalten, die schwer einzuschätzen sind.

Pseudogravidität, Scheinträchtigkeit oder Lactatio falsa

Die „falsche Laktation“ oder Scheinmutterschaft ist Teil des weiblichen Zyklus und in der Tat die treffendere Beschreibung für diese Zyklusphase, denn die Hündinnen durchlaufen in dieser Zeit nicht die Phase einer scheinbaren Trächtigkeit, sondern es geht um die Zeit „post partum“, also nach der Geburt, die hier vom Körper imitiert wird, obwohl die Hündin weder trächtig war und damit auch keine Geburt stattfand.

Trotz fehlender Trächtigkeit finden sich über 9 Wochen Gelbkörper auf den Eierstöcken der Hündinnen. Wenn diese sich zurückbilden, kommt es zu einem starken Abfall des Gelbkörperhormons Progesteron. Und dieser wiederum kurbelt die Produktion von Prolaktin an, einem Hormon der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse), dass die Laktation (Lac bedeutet lateinisch Milch), also die Zeit des Säugens der kleinen Welpen einleitet.

Das Elternhormon – Eltern ja, aber nicht für alle Jungtiere

Prolaktin wird auch als Elternhormon bezeichnet. Was harmlos klingt kann auch eine Kehrseite haben.

Eltern im Tierreich verteidigen nicht nur ihre Jungtiere vehement gegen jede Bedrohung (s.u.). Die Aufzucht der eigenen Jungtiere steht über allem – in dieser Phase kann es auch gehäuft zu Attacken anderer Jungtiere – vierbeinige oder zweibeinige (!) – kommen. Bei Kleinkindern in der Nähe dieser Hündin ist also Vorsicht geboten, da jede Scheinmutterschaft sehr unterschiedlich verläuft und ein und dieselbe Hündin durchaus variabel im Laufe ihres Lebens auf das Prolaktin reagieren kann.

Andererseits kann es auch sein, dass – in Ermangelung von eigenen Welpen – die Kleinkinder der Familie gleichermaßen „adoptiert“ werden. Ist das der Fall, kann die Oma, die ihren Enkel auf den Arm nehmen möchte, von der vermeintlichen Hunde-„Mama“ auch mal angeknurrt werden. 

Ob die Sozialisierung, hormonelle Empfindlichkeit oder der individuelle Charakter dabei die Hauptrolle spielen, ist noch nicht erforscht. 

Wichtig ist: Das Hormon der Mutterschaft verändert das Verhalten der Hündin und kann zu unterschiedlichen Reaktionen führen. Es ist also ratsam in den ersten Jahren genau zu beobachten, zu welchem Verhalten meine Hündin in dieser Phase neigt.

Chemie der Psyche – Symptome der Laktatio falsa

In der Scheinmutterschaft haben die Hunde-Mamas virtuelle Welpen. Sie verhalten sich auch so, als ob sie einen Wurf hätten. Induziert durch das Prolaktin buddeln sie Wurfhöhlen auf dem Sofa oder im Garten und möchten gerne in der Nähe ihres Wurfes bleiben.

Sie verlassen ungern das Haus, sind sozial sehr motiviert und damit auch sehr anhänglich und kuschelig ihren Besitzern gegenüber.

Sie bewegen sich nicht gerne, rennen nicht mehr über die Wiesen und trotten stattdessen lustlos hinter den Besitzern her. Oft werden die Hündinnen in dieser Zeit dem Tierarzt vorgestellt „Etwas stimmt nicht“ ist dann der Vorbericht. Der Hund scheint „depressiv“ berichten die Hundehalter und machen sich Sorgen.

Hunde, die ohnehin misstrauisch anderen Hunden oder Menschen gegenüber sind, können in dieser Phase zu wahren „Löwenmüttern“ werden und sind insbesondere in der Umgebung ihrer Wurfhöhle, also in der Nähe des Heims oder gar in der Wohnung besonders defensiv. 

Sinnvoll ist es deshalb auch, nicht in der Nähe des Heims die täglichen Spaziergänge zu machen. 

Attacken sind bei Tiermüttern keine Seltenheit, das wissen wir von Bären- oder Wildschweinen:  in dieser Phase ihrer Aufzucht sind die Muttertiere ganz besonders gefährlich für den Menschen oder Artgenossen.

Eine Hündin, die solche Verhaltensweisen zeigt, sollte in dieser Phase besonders aufmerksam beobachtet und in kritischen Situationen angeleint bleiben. 

Da auch die zweibeinige „Welpen“, also die eigenen Kinder der Familie in dieser Phase deutlich mehr beschützt werden können, ist besondere Vorsicht geboten, wenn die ganze Familie beim Gassigehen dabei ist.

Transfer auf den Alltag – weil Lernen immer geht

Die Hündinnen handeln zwar unter dem Einfluss der Hormone, aber sie sind natürlich dennoch in der Lage, aus ihrem Verhalten zu lernen und neue Strategien – unabhängig vom Zyklusstand – in den Alltag zu übernehmen.

„Hey, das klappt echt gut, wenn ich die Jogger anbelle oder in die Beine zwicke! Die bleiben stehen oder springen zur Seite! Ab jetzt meine Lösung Nummer 1!“

Die hormonell getriggerten Verhaltensweisen können – bei bereits vorhandener Angststörung – so zu dauerhaften Verhaltensproblemen führen, was es zu verhindern gilt.

Warum werden Hündinnen scheinträchtig?

Eine Hypothese für die Scheinmutterschaft besagt, dass diese physiologische Erscheinung anderen Hundemutter bei der Aufzucht unterstützen könnte. 

Im Wolfsrudel wirft normalerweise nur die Alpha-Wölfin. Aber sie wird bei der Aufzucht von den älteren Hündinnen aus dem Vorjahreswurf oft unterstützt. 

Es könnte ein Vorteil in der Evolution gewesen sein, wenn diese „Ammen“ im Notfall die Aufzucht der Welpen übernehmen konnten, bei Krankheit oder Tod der Mutterhündin.

Saugen und Milch geben – ein Rückkopplungsmechanismus

Das Saugen an den Zitzen regt die Produktion der Milchdrüsen an und so 

wird die Milchdrüse zur weiteren Produktion angeregt. Auch eine Hündin ohne Welpen kann auf diese Weise erstaunlich viel Milch produzieren.

Das ist aber auch der Grund, warum man das Streicheln des Bauches und der Zitzen sowie häufiges Manipulieren an diesen unterlassen sollte. Letzteres regt die Laktation regelrecht an. 

Die Folge ist eine vermehrte Anbildung des Gesäuges. Wer Kinder hat und den Milcheinschuss selbst erleben durfte, weiß, wie weh das tun kann. Die Hündinnen leiden zum Teil an starken Schmerzen durch die prallen Zitzen.

Es gibt Medikamente, mit deren Hilfe der Tierarzt Erleichterung verschaffen und die Scheinträchtigkeit verkürzen kann. Diese können deutliche Nebenwirkungen haben und sollten bedacht angewendet werden. Auch pflanzliche Medikamente zeigen gute Erfolge.

Was kann der Besitzer tun?

In erster Linie sollte der Hundehalter alles vermeiden, um die Scheinträchtigkeit nicht weiter zu fördern.

Viele Hündinnen tragen plötzlich ihre „Quitschies“ oder andere Gegenstände zusammen und sammeln diese im Körbchen. Auch wenn man sich „gemein und fies“ dabei vorkommt – es ist absolut sinnvoll die unechten Welpen allesamt zu entfernen und zu verstecken.

Das kann die Hormonproduktion stoppen und damit die unangenehmen Folgen der Lactitio falsa verhindern.

Viel Gassi gehen, die Hündin durch Spiel und Spaß ablenken und, wie gesagt, nicht am Bauch streicheln, auch wenn sie regelrecht darum bittet.

Scheinmutter­schaft ist keine Krankheit

Die Lactatio falsa ist kein krankhafter Zustand, aber manche Hunde leiden körperlich und seelisch deutlich darunter. 

Wenn die Hündin in dieser Phase regelmäßig durch übersteigert aggressives oder depressives Verhalten auffällt, wäre es durchaus ratsam, eine Kastrationsberatung beim Fachtierarzt für Verhalten zu vereinbaren.

Eine Kastration der Hündin kann auch Nachteile haben. Deshalb müssen die Pros und Contras gut überlegt werden.

Durch unsere Tipps (siehe Kasten) könnt ihr Eure Hündin dabei unterstützen, den Verlauf der Scheinmutterschaft so kurz wie möglich zu halten.

 

Die Artikel könnten
Dich interessieren: