Wer zieht verliert!
Das Konzept „Leine“ ist als Kommunikations-Instrument im Kopf eines Hundes nicht angelegt.
Hunde ziehen sich nicht gegenseitig von A nach B.
Stattdessen stellen sie sich in den Weg oder sie drängen einen anderen Hund mit starrem Blick dazu, die Distanz wieder zu vergrößern.
Hunde tackeln sich auch mal wie im Football, um ihre Kräfte spielerisch oder im Ernstfall zu messen.
Aber Hunde ziehen sich nicht am Fell – geschweige denn an der Leine – irgendwohin.
Einen Hund an der Leine zu führen führt aber zwangsläufig bei vielen Hundehaltern dazu, an dieser Leine zu ziehen.
„Warte“ – Zug an der Leine
„Nicht dahin“ – Zug an der Leine
„Geh nicht zuerst durch die Tür“ – Zug an der Leine
„Lass und weitergehen“ – Zug an der Leine…
Viel besser wäre es doch, mit kleinen Gesten und der eigenen Körpersprache eine gute Kommunikation aufzubauen und als TEAM gemeinsam spazieren zu gehen. Hunde können das! Aber dazu muss der Halter diese Art der Kommunikation auch beherrschen.
„Wer zieht, verliert“, denn er verpasst die Gelegenheit mit seinem Hund auf artgerechter Weise zu kommunizieren und wählt stattdessen die Leinenkorrektur, die für den Vierbeiner nicht nachvollziehbar, aber sehr stressig ist…
Leine = Stress
Wenn Hunde Stress haben, ziehen sie je nach Typ zum Stressauslöser hin oder sie ziehen in eine andere Richtung, um die Distanz zu vergrößern. In fast allen Fällen fangen Besitzer irgendwann an, dagegen zu halten und an der Leine zu ziehen. So wird der Zug an der Leine irgendwann mit Stress assoziiert. Oft genug wiederholt, entsteht ein konditioniertes Gefühl von Stress, sobald an der Leine gezogen wird – selbst wenn gar kein Auslöser in der Nähe ist.
Diese Verbindung von Leine und unguten Gefühlen kann dann zu einer niedrigen Reizschwelle für alle möglichen Reaktionen führen: Aggression, Unruhe, Hyperaktivität, Hypervokalisation und auch Angst.
Die Hunde springen in die Leine wie wild, jaulen, bellen und knurren und kommen in einen Erregungstunnel aus dem Sie trotz aller Zurufe nicht wieder herauskommen.
Auslöser sind häufig andere Hunde, aber es können auch Passanten, Fahrradfahrer, andere Lebewesen oder Objekte sein.
Leine = „Ich habe keinen Raum zum Ausweichen“
Ein Hund hat bei einer Begegnung, die in verunsichert in der Regel 4 Möglichkeiten zu reagieren.
Man spricht von den 4 Fs:
Flight – das bedeutet Ausweichen, Flüchten, Raum geben
Geht nicht, denn die kurze Leine und ein geradeaus gehender Besitzer verhindern diese Möglichkeiten
Freeze – das bedeutet, stehen bleiben, Blick abwenden, vielleicht intensiv und absichtlich am Wegrand schnuppern
Genau wie Flight kann der Hund an der kurzen Leine auch nicht in den Freeze-Modus gehen, um die Situation zu deeskalieren.
Flirt – das bedeutet, beschwichtigen, spielerisch die stressige Situation auflösen, auf das Objekt zu hüpfen und durch scheinbar fröhlich-kindisches Verhalten deeskalieren.
Ihr ahnt es schon – geht auch nicht, weil die kurze Leine diesen Aktionsradius nicht freigibt.
Fight – bellen, knurren, Zähne zeigen, Drohfixieren und nach vorne springen.
Das geht! Das geht sogar super, denn der Hund kann so stark in die Leine springen, wie er will, das Risiko eines Kampfes ist gering, da er von einem um Kontrolle ringenden Besitzer festgehalten wird.
So kommt es, dass sich auch ganz kleine Rassen, die in jedem Ernstkampf den Kürzeren ziehen würden, an der Leine aufführen wie Gozilla im Stimmbruch.
Zusätzliche Stressoren
Jeder weiß, dass man einen Hund, der in der Ecke sitzt, nicht bedrängen sollte, da er sonst vielleicht schnappt.
Nicht anders verhält es sich mit der kurzen Leine. Auch hier hat das Tier einen sehr eingeschränkten Aktionsradius und auch hier liegt es deshalb nahe, sich aggressiv zu verhalten.
Aber es gibt auch andere Stressoren: Viele Hunde haben Schmerzen, wenn sie an der Leine herumgezogen oder auch gezerrt werden. Zum Teil fügen Sie sich die Schmerzen auch selbst zu, weil sie in die Leine springen. Wer jetzt denkt, „ja, dann soll er’s halt lassen!“ hat weit gefehlt.
Denn die Angst vor dem Schmerz verbindet sich stattdessen mit dem Auslöser – z.B. dem Anblick eines anderen Hundes – und nächstes Mal wird die Reaktion auf diesen nur noch heftiger. So funktioniert die Hundelogik, auch wenn wir das gar nicht logisch finden.Und nicht zuletzt gibt es nicht selten auch die Situationen, in denen ein Hund an der Leine von einem Hund ohne Leine angegriffen wird. Und auch diese Erfahrung kann dazu führen, dass der Vierbeiner das nächste Mal noch früher anfängt zu knurren und zu drohen, damit die anderen Hunde auch bloß den Sicherheitsabstand einhalten.
Fazit
An der kurzen Leine haben viele Hunde Stress und meist fängt das schon mit dem ersten Spaziergang an der Leine an.
Hundehalter sollten also von Anfang an lernen, wie sie mit Ihrem Hund so kommunizieren, das eine unsichtbare Leine durch Beziehung, Mimik, Gestik, Vertrauen und Respekt diese Aufgaben übernimmt.
Die Focus-Bubble
Beachte! Vom allerersten Spaziergang an gilt: An der Leine gibt es nur Dich und mich. Hund und Besitzer tauchen in eine Bubble, wenn die Leine die beiden verbindet.

Das kann mit tollen Focus-Übungen erst mal ohne Ablenkung geübt werden.
Ganz besonders sollte der Besitzer sich Mühe geben, interessanter zu sein als ein entgegenkommender Hund.
Das funktioniert sehr gut mit Blickkontakt, Spielzeug oder Leckerlies, die man in Weg-Richtung vor den Hund kegelt und ihn danach suchen lässt.
Entspanntes Gehen an der Leine – dieses Ziel wir besser erreicht, wenn ein junger Hund in den ersten Monaten nur in Ausnahmefällen an der kurzen Leine laufen muss. Hinderlich sind dabei die „Runden um den Block“, die allein schon aus Gründen der Verkehrssicherheit an der kurzen Leine ausgeführt werden.
Die entspanntesten Hunde an der Leine werden diejenigen, die während der Welpen- und Junghundezeit nur selten an der kurzen Leine laufen mussten. Die Schleppleine oder keine Leine können entlang der befahrenen Straße aber nicht zum Einsatz kommen.
Deshalb empfehlen wir, zum Park, Wald- oder Feldrand mit dem Rad & Anhänger oder dem Auto zu fahren und von dort sofort den Spaziergang zu starten. Je weniger Stress mit dem Anlegen der Leine verbunden wird, umso geringer das Risiko, an der Leine später aversiv oder unsicher zu reagieren. Nebeneffekt – der Hund lernt auf diese Weise die positive Bedeutung von Fahrradanhänger oder dem Auto, denn sie stehen für einen entspannten Spaziergang im Grünen.
Denke immer daran: An einer kurzen „Schnur“ durch die Welt zu laufen fühlt sich für kein Lebewesen gut an. Das Risiko, dass hierbei etwas schief geht, ist groß. Durch Management Deiner Spaziergänge, stressfreien Transport und entspannte Auslastung Deines Hundes ohne Einschränkungen kann sich der Vierbeiner am besten entwickeln.