Deprivationssyndrom – Psychische Entwicklungsstörung des Hundes 

Inhaltsüberblick

Jeder Hundehalter kennt vermutlich mindestens einen Hund, der seine ersten Lebenswochen nicht unter den optimalen Umständen verbracht hat. Oft erkennt man, dass diese Hunde Schwierigkeiten haben, sich in unserer städtischen Umgebung wohlzufühlen. Sie sind ängstlich, überdreht und unruhig, reagieren empfindlich, ja scheinbar übertrieben auf neue Umweltreize und haben Probleme in sozialen Interaktionen mit fremden Hunden oder Menschen. Schnell fällt im Zusammenhang mit solch einem Verhalten der Begriff des Deprivationssyndroms.

Was ist das Deprivations­syndrom? 

Das Deprivationssyndrom ist ein Sammelbegriff und umfasst alle Verhaltensfehlentwicklungen, die durch ein Aufwachsen in einer sehr reizarmen Umgebung entstehen. Hunde, die in ihrer frühen Entwicklung einen Mangel an Stimulation durch Umweltreize und soziale Kontakte erfahren haben, zeigen diese Symptome. In der wichtigen primären Sozialisationsphase, welche die 3. bis 12. Lebenswoche umfasst, haben diese Hunde nur sehr wenig neue Erfahrungen gemacht. Dies ist problematisch, da gerade in dieser Zeit das Gehirn der Welpen auf das Erleben und Verarbeiten vieler verschiedener Reize angewiesen ist, damit es sich optimal entwickeln kann. So kommt es sowohl zu strukturellen Fehlentwicklungen des Gehirns als auch zu einer Störung im Neurotransmittersystem dieser Hunde. 

Häufig sind Hunde betroffen, die als Winterwurf nur in einem Zimmer (oder einem Zwinger) beim Züchter aufwuchsen. Auch Bauernhofhunde, die ihre ersten Lebenswochen z.B. in einer Pferdebox verbracht haben oder Hunde aus dem Tierschutz, die von einem ängstlichen Muttertier weit weg von der Zivilisation aufgezogen wurden können diese Entwicklungsstörungen zeigen. 

Hat mein Hund ein Deprivations­syndrom? 

Die Verhaltensänderungen des Deprivationssyndroms sind vielfältig und lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: 

  1. Ängstliche Hunde: Diese Hunde entwickeln aufgrund mangelnder Erfahrungen als Welpe Phobien oder generalisierte Angststörungen. Ihre Reaktionen auf Auslöser reichen von Erstarren über Meiden bis hin zu Flucht oder defensiver Aggression. Sie zeigen oft Übererregbarkeit, erhöhte Wachsamkeit, Hyperaktivität und Harnmarkieren. Dies sind also insgesamt Hunde, die deutlich stärker auf bestimmte Reize reagieren, als man es von einem normal sozialisierten Hund erwarten würde. 
  2. Depressive Hunde: Diese Hunde wirken motivations- oder freudlos, haben eine niedrige Körperhaltung und zeigen wenig Spielverhalten. Sie schlafen und fressen entweder übermäßig viel oder zu wenig. Hier spricht man von einer Depression, die sich entweder durch Reizbarkeit oder Freudlosigkeit ausdrückt. 
  3. Hyper-Dogs: Hunde, die die Reize des Alltags nicht gut verarbeiten können, reagieren mit einem scheinbar „hyperaktiven“ Verhalten auf die Überforderung. Sie können sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren, rennen hektisch umher, stalken ihre Besitzer in der Wohnung und zeigen oft auch häufiges Vokalisieren (Bellen, Winseln), wenn ihre ohnehin niedrige Frustrationstoleranz überschritten wird. 

Zeigt ihr Hund eines oder mehrere dieser Verhaltensweisen und Sie wissen, dass er sehr reizarm aufgewachsen ist, besteht die Möglichkeit, dass er ein Deprivationssyndrom hat. 

Prävention des Deprivations­syndroms 

Die beste Prävention ist die Wahl eines guten Züchters. Engagierte Züchter setzen ihre Welpen neuen Reizen in der richtigen Intensität und Häufigkeit aus. Dazu gehören unter anderem zum Beispiel Bällebäder, Kontakt mit Welpen anderer Rassen, Bekanntschaft mit Kindern und erste kleine Spaziergänge. Der Besuch einer kompetent geführten Welpen-Spielgruppe (siehe auch PuppyPlan© Konzept von SIRIUS©) nach dem Einzug des Welpen hilft ebenfalls, andere Rassen und deren Spielverhalten kennenzulernen. In kurzen Intervallen, die höchstens einmal am Tag stattfinden sollten, kann man dem Welpen zudem Schritt für Schritt die große, weite Welt mit ihren vielen Reizen und Objekten zeigen und ihn beispielsweise in die Nähe eines Kindergartens, in ein Geschäft oder Restaurant mitnehmen. 

Maßnahmen bei bestehendem Deprivations­syndrom 

Wenn der eigene Hund bereits Anzeichen des Deprivationssyndroms zeigt, ist nicht alles verloren. Mit dem richtigen Umgang und einer geeigneten Verhaltenstherapie kann der Hund je nach Ausprägung des Deprivationssyndroms ein mehr oder weniger „normales“ Leben führen und lernen, mit neuen Situationen besser umzugehen. Welche Maßnahmen genau nötig sind, sollte immer mit einer/m Verhaltensmedizinerin besprochen werden. 

Oft haben kleine Veränderungen große Wirkung, wie das Schaffen von Ritualen oder das Einrichten einer Sicherheitszone. Eine enge Bindung und gegenseitiges Vertrauen sind entscheidend dafür, dass der Hund weniger Angst hat und offener für neue Umweltreize wird. Geduld und Verständnis sind im Umgang und Zusammenleben mit diesen Hunden besonders wichtig. 

Fazit 

Das Deprivationssyndrom ist ein Sammelbegriff für alle Verhaltensstörungen bei Hunden, die durch eine reizarme Umgebung in der frühen Entwicklungsphase verursacht werden. Bei diesen Hunden ist sowohl das Gehirn als auch ihr Neurotransmittersystem nicht optimal entwickelt, was Ihnen das Leben in unserer Welt sehr schwer macht. Management, eine geeignete Therapie, evtl. auch medikamentelle Unterstützung und gutes Therapie-Training können jedoch helfen, betroffene Hunde zu unterstützen, sodass für Hund und Halter ein glückliches Leben möglich ist. 

Quellen: 

  • The importance of early life experiences for the development of behavioural disorders in domestic dogs; In: Behaviour; Authors: Lisa Dietz, Anne-Marie K. Arnold, Vivian C. Goerlich-Jansson, and Claudia M. Vinke; Online Publication Date: 18 Mar 2019; Link: https://brill.com/view/journals/beh/155/2-3/article-p83_1.xml?language=en
  • Canine Socialisation: A Narrative Systematic Review; Victoria McEvoy; Uri Baqueiro Espinosa, Andrew Crump, Gareth Arnott; Animals 2022, 12(21), 2895; https://www.mdpi.com/2076-2615/12/21/2895 
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