Das neue Zentrum der Welt – ein Welpe zieht ein
Mit der Aufmerksamkeit ist das so eine Sache. Natürlich braucht ein junger Welpe viel davon. Er kommt in unser Leben und wird damit zum neuen Zentrum unseres Interesses.
Die kleinen Vierbeiner sind am Anfang auch oft überfordert mit vielen, neuen Informationen, dem Verlust des Muttertieres und der Wurfgeschwister. Um das zu verarbeiten, brauchen sie viel Nähe und Kuscheleinheiten. Und wir genießen das gemeinsam mit dem Hundebaby.
Kontaktmöglichkeiten – Ständig und dauernd
So zieht uns die kleine Fellnase langsam, aber sicher in einen Strudel an Kontaktwegen:
- Aufforderung zum Streicheln, Spielen oder Gassigehen
- Kauknochen bringen, damit das Stuhlbein ganz bleibt
- Futter herrichten, 3mal täglich
- Winseln, Weinen oder Bellen, weil der Welpe sich langweilt, die Mama sucht oder etwas hört, was ihm fremd ist.
- Auf die Füße der neuen Mama legen oder betteln, bis sie Dich aufs Sofa hebt usw.
Stalking-Alarm!
Und plötzlich haben wir einen kleinen Schatten, der uns auf Schritt und Tritt folgt. Allein Duschen oder auf die Toilette gehen? Weit gefehlt! Denn wenn wir die Türe schließen, ertönt augenblicklich herzzerreißendes Weinen.
Mit Recht! Denn in der freien Natur ist so ein kleiner Welpe verloren und hat allein nur wenig Überlebenschancen. Dieses instinktive Programm existiert auch in unseren Familien-Vierbeinern und dementsprechend geraten sie in großen Stress, wenn man sie erst vom Muttertier und den Geschwistern wegnimmt und dann in einer neuen Umgebung allein lässt… und wenn auch nur für eine kurze Toiletten-Pause.
So wird dem Kleinen Stalker immer mal wieder Aufmerksamkeit geschenkt, wenn er so hinter uns herdackelt.
Mal nur ein Sätzchen „Na, was machst Du denn wieder hier?“ dann mal ein Leckerlie, weil man ohnehin gerade in der Küche steht, eine kleine Streichel-Session oder was auch immer auf der Wunschliste steht.
Lerneffekt – die Slot-Mashine
Und mit diesen, durchaus bekannten Szenen im Rahmen des Einlebens ziehen wir uns langsam, aber sicher den kleinen, nach Kontakt süchtelnden Vierbeiner heran, der dann ein großer, ziemlich anstrengender Zeitgenosse werden kann. Wir sind in diesem Lernprozess der Glücksspielautomat und jede Bewegung verspricht neue Zuwendung.
Hunde sind begnadete Spezialisten im Interpretieren von Körpersprache. Über viele Wochen werden die unterschiedlichsten Manipulationswege erforscht. „Auf was reagiert „Papa“ am schnellsten? Wenn ich leise winsle oder wenn ich mitten in der Video-Konferenz laut belle?“
Alles wird ausprobiert, ausgewertet und diejenigen Techniken, die gut funktionieren werden weiter ausgefeilt.
Schlafentzug und andere Probleme
Nicht selten ist jede Bewegung des Besitzers dann Anlass, das Körbchen zu verlassen und zu schauen, „ob was geht“. Das führt sogar so weit, dass nur ein Lacher am Telefon oder eine Änderung der Körperhaltung am Home-Office-Schreibtisch dazu führt, dass die Fellnase schon wieder parat steht: „Jetzt?? Spielen? Schmusen?“
So kann kein guter Schlaf-Wach-Rhythmus entstehen. Betroffene Junghunde schlafen zum Teil nur dann tief und fest, wenn Frauchen und Herrchen selbst im Stand-by-Modus sind. D.h. nachts, wenn auch wir schlafen oder abends, wenn wir gemütlich auf der Coach liegen und lesen oder fernsehen.
Aber die kleinen Racker brauchen 16-18 Stunden Schlaf und die sind unter diesen Bedingungen schlecht möglich.
Der kleine Kontakt-Junkey entwickelt sich nicht selten zur Nervensäge, die im Laufe seiner Entwicklung eventuell mit weiteren Verhaltensproblemen aufwartet. Trennungsangst, ständiges Bellen, wenn er aufgeregt ist und weitere Auffälligkeiten, wie Unsicherheit oder aggressives Verhalten, die mit einer mangelnden Führungspersönlichkeit des Besitzers zu tun haben.
Was tun?
In den ersten Wochen erst mal nichts anderes als das, was unser Hundemutterherz und sagt. Viel Nähe, viel Aufmerksamkeit, denn durch die Adoption haben wir dem kleinen Hund die gesamte „Geborgenheitsgarnitur“ unter den kleinen Pfoten weggezogen. Da müssen wir uns erst mal ins Zeug legen, damit die Fellnase den Kultur-Schock gut bewältigen kann.
Auf Dauer geht das nicht weiter
Wann ist der richtige Zeitpunkt, um die Aufmerksamkeit zu drosseln? Eine Orientierung an der Natur ist – wie immer – sinnvoll.
Im Laufe der Welpenentwicklung durchläuft der junge Hund verschiedene Phasen. Mit ca. 13-16 Wochen kommt er in die sog. Rangordnungsphase. Zwischen den Wurfgeschwistern würden die halbstarken Welpen nun schon mal eine Art Rangfolge ausmachen, um dann mit ca. 5-6 Lebensmonaten auch im Rest des Hunderudels seinen Platz zu finden (Rudelordnungsphase).
Das ist spätestens die Zeit, um von dem „Mama ist immer da“-Programm in ein hundegerechtes Miteinander zu wechseln.
Aufmerksamkeit ist eine Ressource
Die Rangfolge unter Hunden und auch mit ihren Menschen wird vor allem durch die Ressourcenkontrolle geklärt. Nähe, Zuwendung und Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten Ressourcen. Und ab der Rangordnungsphase gilt: Aufmerksamkeit ist eine Einbahnstraße, die nur vom Besitzer eingeleitet wird. Streicheleinheiten oder liebe Worte – vom Hund mit Charme und Tricks erschlichen – gehören nun der Vergangenheit an.
Dies gilt in den meisten Fällen nur für das Zusammenleben in der Wohnung. Draußen dürfen Hund und HalterIn Kontakt haben, wie sie möchten. Im Gegenteil: Eine selbstkritische Bilanz der Aktivitätszeiten draußen sollte ebenfalls in diesem Alter erfolgen. Ein gesunder Junghund braucht in diesem Alter ca 2,5 Stunden Auslauf und Auslastung. Am besten ohne Leine!
NUR wenn der Faktor Auslastung Genüge getan wird, kann man indoor vom Hund erwarten, dass er ab diesem Alter langsam zur Ruhe kommt, sich selbst beschäftigt aber nicht ständig oder häufig nach Aufmerksamkeit heischt.
Augen haben ein Eigenleben
Ein besonderes Wort gilt dem Augenkontakt. Aufmerksamkeit heißt, anfassen, ansprechen aber auch anschauen. Die Augen haben aber oft ein Eigenleben und eh man sich versieht, hat man den Hund für ein Winseln oder Kopf-auf-Bein schon wieder angeschaut. Das braucht etwas Übung und Selbstdisziplin, aber wenn man darauf achtet, bekommt man auch den Blickkontakt als Feedback in den Griff.
Drinnen Ruhe – Draußen ACTION!
Ein Gleichgewicht von Entspannung mit viel ausgleichendem Schlaf in der Wohnung und Action und Spaß an der frischen Luft – das ist das Ziel dieser Maßnahmen. Drinnen auch mal schmusen oder ein bisschen Training ist ok. Aber zu viel davon führt wieder zu einer Erwartungshaltung bei jeder Bewegung. Und die muss erst einmal „gelöscht“ werden, um zu einem entspannten Miteinander zu finden.